Uso Da

Eine alternative Realität zu Haibane Renmei


Kapitel 12: Nemuki

Rakka stand am Ende der Brücke über den Wasserfall und sah Washi auf der gegenüberliegenden Seite zum Tempel zurückkehren. Ihre Magengrube, die bereits zuvor eine beträchtliche Größe aufzuweisen schien, kam ihr nun geradezu bodenlos vor.

Reki konnte also noch gerettet werden. Washi hatte ihr ganz genau erklärt, was dafür erforderlich sei. Und falls das funktionieren sollte (eine Garantie dafür gab es keineswegs), konnte vielleicht auch Nemu aus ihrem sündengebundenen Zustand befreit werden...

Doch egal, ob es funktionieren würde oder nicht, die Konsequenzen gefielen Rakka in keinem der beiden Fälle.


Ihr Weg in die Stadt kam ihr länger vor als üblich. Sie hielt an, um einen Stein in den Fluss zu werfen, der entlang der Straße floss. Es gelang ihr nicht, ihn von der Oberfläche abprallen zu lassen, und er verursachte ein enttäuschendes Plumpsgeräusch, als er ins Wasser eintauchte.

Rakka runzelte die Stirn. Die Ereignisse überschlugen sich viel zu sehr, als dass sie sich dabei hätte wohlfühlen können. Sie kam sich vor, als würde sie selbst in diesem Fluss treiben, gegen die Strömung ankämpfen und sich dagegen wehren, von ihm an einen Ort getrieben zu werden, den sie zu vermeiden suchte. Ganz hinten in ihrem Gedächtnis rührte sich eine vage Erinnerung...

Sie riecht den Fluss. Erbarmungslos prasselt der Regen auf sie herab. Nasser Stoff klebt eiskalt an ihrer Haut, Haare kleben in ihren brennenden Augen und schränken ihr Gesichtsfeld ein... sind das Tränen? Glitschiger Boden unter ihren Füßen. "Du musst auf diesem Pfad bleiben, um die Furt zu erreichen." Das steigende Wasser hat den Pfad längst überspült. Dort, diesen Deich hinauf, das müsste zu schaffen sein. Schäumende Gischt auf den Wellen des aufgewühlten Flusses unter ihr. Ihre Hände greifen in den Schlamm, suchen nach einem Halt... ruft da jemand ihren Namen? Plötzlich rutscht sie ab, die Welt taumelt an ihr vorbei, Wellen schlagen über ihrem Kopf zusammen. Sie ringt nach Luft... ist das kalt! Ihre Sinne werden taub. Sie muss zurück an die Oberfläche, um zu atmen! Sie greift nach einer Hand, die nicht da ist. Sie taumelt, wird von der Strömung mitgerissen. "Lass los, wehr dich nicht"... dann Panik: Sie bekommt keine Luft mehr! Ein Schmerz in ihrer Brust... ihre Finger werden taub... "Lass los"... alles geschieht in Zeitlupe... sie gleitet senkrecht nach unten... ein Tunnelblick... dann ist der Tunnel plötzlich verschwunden, und sie fühlt, wie sie fällt...

Ein laues Lüftchen raschelte in ihrem Kleid und Rakka merkte, dass sich die Sonne dem Horizont entgegen neigte. Die Dämmerung war nicht mehr fern, und sie musste noch zu Sumika und womöglich auch noch zu Nemu. Rakka setzte ihren Marsch in Richtung der Brücke, die in die Stadt führte, fort. Sie war nicht gerade erwartungsfroh, was die kommenden beiden Begegnungen anging.


Sumikas Familie wohnte in einem Steinhaus an einer ruhigen Straßenkreuzung in Guri, ganz in der Nähe der Bibliothek. Als Rakka die Stufen zum Eingang des Hauses hinaufstieg, bemerkte sie, dass das Hauptfenster zur Straße hin einen Spalt weit geöffnet war. Sie hielt inne, um einen Blick hinein zu werfen, und sah Sumika in Gedanken versunken im dunklen Wohnzimmer sitzen.

Sumika schreckte hoch. "Oh, Rakka!" Ihr war sichtlich unbehaglich. "Bitte komm rein. Ich habe dich erwartet."

Wortlos betrat Rakka die Wohnung. Sumika war gerade dabei, das Fenster zu schließen. "Tee?" fragte sie in reserviertem Tonfall.

Eigentlich wollte Rakka schon allein deshalb ablehnen, um ein Zeichen zu setzen, aber ihre Kehle war ein wenig trocken von ihrer heutigen Unternehmung. "Ja, bitte", sagte sie, ohne das Wohnzimmer zu betreten.

"Komm rein und mach's dir..." begann Sumika und hielt plötzlich inne, ihre Augen voller Sorge weit aufgerissen. "Dein Kleid! Bist du verletzt?"

Im Tempel hatte es keinen Spiegel gegeben und in ihrer misslichen Lage hatte Rakka keinen Gedanken darauf verschwendet, ihr Äußeres in Ordnung zu bringen. Nun, in der Diele der Wohnung stehend, warf sie einen Blick in den Spiegel - und war sprachlos. Ihr einer Ärmel war unübersehbar zerfetzt, und kleine Tropfen getrockneten Blutes hatten sowohl an ihrem Arm als auch an der Seite Flecken auf ihrem Kleid hinterlassen. Einen Teil des Drecks, vor allem an ihrem Rücken, hatte sie vergessen abzubürsten, und in ihren Federn hatten sich einige vertrocknete Blätter eingenistet.

Rakka versuchte, nicht zu zeigen, wie sehr sie sich für ihr Aussehen schämte. Sie brachte ihre Erscheinung so gut wie möglich in Ordnung und meinte dann: "Ist nicht so schlimm."

Sumika schien davon nicht völlig überzeugt zu sein, verschwand jedoch kurz in der Küche. Sie kehrte mit einer Teekanne aus gemaserter Jade und zwei Bechern auf einem hölzernen Tablett zurück. Rakka hatte unterdessen auf einer Polsterbank Platz genommen.

Ihre Gastgeberin goss Tee in Rakkas Becher ein, sich selbst jedoch nicht. Sie stellte das Tablett auf ein Tischchen vor Rakkas Platz und setzte sich dann wieder auf ihren Stuhl. Rakka nahm einen Schluck des heißen grünen Tees und rollte den Becher in ihren Händen.

"Sie wussten es die ganze Zeit, nicht wahr?" sagte Rakka ruhig und betrachtete dabei ihr verzerrtes Spiegelbild im Tee.

Sumika richtete ihren Blick wieder auf einen beliebigen Punkt in der Ferne. "Falls du Reki meinst, nein, das wusste ich nicht..."

"Ich meine mich." Rakka klang eisiger, als sie beabsichtigt hatte.

Sumika saß regungslos da. "Ich glaube, ich wusste es, kurz nachdem wir uns das erste Mal begegnet waren", sagte sie leise. "Oder zumindest habe ich es vermutet. Deshalb habe ich mich gestern auch an dich gewendet. Abgesehen von Nemu scheinst du am stärksten auf Rekis Verschwinden zu reagieren. Und außerdem..."

"Wo ist Nemu jetzt?" fiel Rakka ihr in die Rede.

Falls Sumika verärgert oder gar beleidigt vom Verhalten der jungen Haibane gegenüber einer Älteren war, zeigte sie es zumindest nicht. Andererseits schien sie auch nicht allzu bereitwillig Informationen preisgeben zu wollen. "Wozu willst du das wissen?" fragte sie abwehrend und drehte sich zu Rakka hin.

Rakka sah von ihrer Tasse hoch, und die Blicke der beiden trafen sich. Ihre wortlose Zwiesprache dauerte nur einen Augenblick, dann gab Sumika ihren Widerstand auf. "Tut mir leid, das war eine dumme Frage. Natürlich musst du mit ihr reden. Sie ist hier bei uns, eine Etage höher. Ich habe ihr gesagt, dass du vorbeikommen könntest..."

Rakka erinnerte sich an Washis Worte. "Sumika", sagte sie ruhig, "ich will keinen Streit zwischen uns, auch wenn ich mir ein wenig ausgenutzt vorkomme."

"Ich habe dich gestern gewarnt, dass ich selbstsüchtig wäre", erinnerte Sumika sie.

Rakka nickte. "Dann hoffe ich, dass Sie mir nicht übel nehmen, wenn ich Ihnen sage, dass Sie im Interesse der Renmei zugelassen haben, dass Nemu in eine Richtung gedrängt wurde, die sie besser hätte vermeiden sollen..."

Sumika richtete sich auf, mit einem Ausdruck der Überraschung im Gesicht, fast als hätte jemand sie geohrfeigt. Ihr Stimme schwankte, als sie vorsichtig antwortete: "Ich weiß nicht, was genau Washi dir erzählt hat. Womöglich hast du auch etwas missverstanden. Oder vielleicht glaubt Washi tatsächlich an das, was er dir erzählt hat; Kommunikatoren sind nun mal sehr von sich überzeugt. Ich habe getan, was ich unter den gegebenen Umständen für das Beste hielt, und ich bin so gut wie sicher, dass du nicht die ganze Vorgeschichte der Ereignisse kennst, die zur aktuellen Situation geführt haben."

Rakka senkte ihren Blick. "Werden Sie sie mir erzählen?"

"Ich..." begann Sumika und zögerte dann. "Das darf ich nicht. Du musst das..."

"...selbst herausfinden", ergänzte Rakka, ihren Augen immer noch zu Boden gerichtet.

Es folgte eine lange, unbehagliche Stille. Schließlich stand Rakka auf und stellte ihren Becher auf den Tisch. "Danke für den Tee. Ich werde jetzt mit Nemu reden."

Sumika machte eine Bewegung auf ihrem Stuhl, als ob sie einen Einwand hätte, sagte dann aber nur: "Sie ist im Zimmer am Ende des Gangs auf der rechten Seite." Sie hielt ihren Blick auf Rakka gerichtet.

Rakka wandte sich um und begann, die Treppe hinauf zu gehen. An ihrer ersten Aufgabe war sie gescheitert; sie hoffte, bei der zweiten mehr Erfolg zu haben.


Es war dunkel auf dem Gang; Rakka brauchte eine Weile, bis ihre Augen sich daran gewöhnt hatten. Sie hatte sich selbst nie für klaustrophobisch gehalten, doch dieser Gang besaß kein einziges Fenster und mit jedem ihrer Schritte schienen die Wände und die Decke auf sie einzudringen. Die Luft war warm und bewegungslos.

An der letzten Tür auf der rechten Seite blieb Rakka stehen. Sie hob ihre Hand und klopfte - es klang nach solidem Eichenholz. Sie erhielt keine Antwort.

Rakka nahm ihren Mut zusammen, griff nach der Türklinke und drückte diese herunter. Ein metallisches Klicken erklang und hallte durch den Gang. Die Tür gab Rakkas Druck mühelos nach und den Blick frei auf noch mehr Dunkelheit...

Sie öffnete nur so weit, dass sie hindurch in die Leere sagen konnte: "Nemu, ich bin's, Rakka. Ich komme rein." Sie wartete einen Moment auf eine Antwort; als diese ausblieb, öffnete sie die Tür etwas weiter, sodass ihr schlanker Körper gerade so eben hindurch passte.

Ihre nunmehr an die Dunkelheit gewöhnten Augen bemerkten das Leuchten eines Halos; dessen geisterhafte Aura offenbarte ihr eine Gestalt unter einer Decke, wie ein Baby zusammengerollt und den Blick von ihr abgewandt. Sie konnte Nemus Flügel unter der Decke nicht erkennen, und einen Augenblick lang schämte sich Rakka dafür, dass sie ausgerechnet deren Aussehen als erstes hatte überprüfen wollen. Es roch wie in einem Krankenzimmer.

"Nemu... bist du wach?" fragte Rakka leise.

Die Gestalt bewegte sich. "Ja, Rakka", antwortete eine matte Stimme. Nemu drehte sich vorsichtig um, wobei sie so gut wie möglich unter ihrer Decke verborgen zu bleiben versuchte.

Rakka versuchte, ihre Fassung zu bewahren, als das gezwungene Lächeln in Nemus ausgemergeltem Gesicht sah. Sie riss sich zusammen, näherte sich dem Bett und kniete daneben nieder. Sie streckte ihre Hand aus und berührte Nemus unbedeckte Finger, mit denen diese ihre Decke wie einen Schild gepackt hatte. Die Finger waren kalt wie Eis.

"Sumika sagte mir, dass du mich besuchen kommst", sagte Nemu. Es klang beinahe, als habe ein Geist gesprochen.

"Ich war nicht sicher, ob du mich empfangen würdest" antwortete Rakka mit zitternder Stimme.

Eine Weile lang schwieg Nemu, dann vertraute sie ihrer Besucherin an: "Rakka, ich bin es leid, zu kämpfen."

Aus einem Impuls heraus streckte Rakka ihren Arm aus und streichelte Nemu über deren feines, braunes Haar. Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie antwortete: "Du musst durchhalten, Nemu. Nur noch ein bisschen. Ich bitte dich darum."

Nemu schüttelte den Kopf. "Ich will nicht mehr. Ich will nicht länger hier sein. Ich will nur noch, dass es vorbei ist. Verstehst du das nicht?" sagte sie, eher traurig als vorwurfsvoll.

"Erzähl mir, was los ist."

"Rakka..." flüsterte Nemu. Selbst in dieser Dunkelheit konnte Rakka sehen, wie Nemus Augen einen wilden Ausdruck annahmen. "Wir sind in der Hölle gelandet."

Diese unverblümte Behauptung jagte eine Welle der Beklemmung Rakkas Rückgrat hinab. Diese Möglichkeit hatte sie bisher nicht erwogen; trotz all seiner Seltsamkeit erschien Guri ihr ein zu angenehmer Ort, um eine solche Bezeichnung zu verdienen. Und doch, da sie Rekis Worte noch in frischer Erinnerung hatte, machte der Gedanke sie nachdenklich.

"Die Haibane... Gott hat uns verstoßen", flüsterte Nemu. "Gott hat mich verstoßen."

"Nemu, warte mal", sagte Rakka und verdoppelte mit beiden Händen die Stärke ihres Griffs um Nemus kalte Finger. "Ich glaube nicht, dass das stimmt. Und ich glaube, ich kann dir helfen. Die Renmei, Washi... wir glauben, wir können dir helfen. Aber", sagte sie und schüttelte dabei sanft Nemus Hände, um ihrer Aussage Nachdruck zu verleihen, "du musst dich an etwas erinnern."

Nemu zögerte. "Woran?"

"Erzähl mir deinen Traum..."

"Nein, nein, nein!" Nemu begrub ihr Gesicht in ihrem Kissen und schaukelte auf und ab.

"Ich meine nicht deinen Alptraum, sondern deinen Kokon-Traum!"

"Das war mein Kokon-Traum!"

"Das stimmt nicht. Du hast nur begonnen, dies zu glauben. Aber du musst vorher einen anderen Traum gehabt haben..." Rakka selbst erinnerte sich an ihre Träume von Krähen, lange bevor sie ihren vollständigen Kokon-Traum wieder entdeckt hatte.

Nemu schloss ganz fest ihre Augen und öffnete sie dann wieder. Langsam drehte sie sich in Bauchlage und drückte ihr Kissen fest an ihre Brust. Die Decke, hinter welcher sie bislang ihren Zustand sorgsam zu verbergen versucht hatte, rutschte gerade weit genug zur Seite, um Rakka den Anblick von Nemus bislang verborgenen Federn preiszugeben. Selbst in dieser Dunkelheit konnte sie erkennen, dass diese fast vollständig pechschwarz waren. Rakka prallte instinktiv zurück und versuchte dies zu vertuschen, indem sie ihr Kleid zurechtrückte. Sie war nicht sicher, ob Nemu ihre List durchschaute.

Nemu starrte das Kopfende ihres Betts an. "Ich erinnere mich daran, dass ich ganz zu Beginn meiner Zeit in Guri mit Kuramori über einen Traum geredet habe, den ich mehrere Male hatte. Ich träumte, dass ich... glaube ich jedenfalls... geschlafen habe. Auf einem Baum."

Rakka war verblüfft. "Auf einem Baum?"

"Ein Baum mit weiten Ästen und flauschigen rosa-weißen Blüten. Es war ein ganzes Wäldchen dieser Bäume, und mein Baum war mittendrin... allerdings... etwas daran störte mich. Die anderen Bäume waren krank. Auf ihnen wimmelte es von Würmern." Nemu zermarterte ihr Gedächtnis. "An mehr erinnere ich mich nicht. Könnte das tatsächlich mein Kokon-Traum gewesen sein?" Nemu bemerkte, dass ihre Decke verrutscht war, und zog diese sicherheitshalber wieder bis an ihren Hals hinauf. "Kuramori meinte, ich hätte in Guri nichts zu befürchten, und nach einer Weile wiederholte sich dieser Traum nicht mehr."

Rakka begann zu verstehen, sah sich aber gezwungen, nachzubohren. "Nemu, das Mädchen in deinem anderen Traum, das Mädchen mit den schwarzen Flügeln..."

Nemu zuckte zusammen. "Ich will nicht darüber reden!"

"Nemu", drängte Rakka, bemüht, ihre Beherrschung nicht zu verlieren, "du warst dort. In diesem Traum. Du standest neben ihr. Wieso hast du sie nicht aus dem Weg gezogen, als der Schatten auf sie zukam?"

"Ich wollte nicht."

Rakka erstarrte. "Warum nicht?"

Nemu hob ihren Kopf und blickte Rakka ungläubig an. "Weil... ihre Flügel schwarz waren."


Fortsetzung in Kapitel 13: Zuflucht


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