Uso Da

Eine alternative Realität zu Haibane Renmei


Kapitel 11: Synkope

"Du darfst die Mauer nicht entweihen", sagte Washi in barschem Ton. "Von allen Haibane solltest du das am besten wissen."

Unter anderen Umständen hätte dieser Verweis eine verheerende Wirkung auf Rakka haben können. Doch in diesem Augenblick erzürnte er sie bis zum offenen Ungehorsam. Ihre Frustration darüber, nicht dazu in der Lage zu sein, ihre Gefühle in Worte zu fassen, trieb ihr die Tränen in die Augen; schutzsuchend rollte sie sich in Embryostellung auf dem Pfad zusammen.

Falls Washis Stimme an Schärfe verloren hatte, war Rakka dies zumindest nicht bewusst geworden. "Du bist verletzt. Wenn du hier wartest, werde ich Hilfe für dich holen..."

"Wo waren Sie?" schrie Rakka ihre Seelenpein heraus. "Warum wollten Sie nicht mit mir reden? Sie haben gesagt, Sie wären für mich da, wenn ich Hilfe brauche. Warum helfen Sie uns nicht? Nemu stirbt! Helfen Sie uns!" würgte sie hervor, während ihre Kehle beinahe den Dienst versagte.

Einen Moment lang stand Washi regungslos da, mit beiden Händen auf seinen Stab gestützt. Dann machte er schweigend ein paar Schritte zu Rakka hin, beugte sich nach vorn und reichte ihr seine rechte Hand. "Fühlst du dich dazu in der Lage, zu sitzen oder zu stehen?" sagte er in nun wesentlich milderem Ton.

Rakka nahm die Geste mit einer Mischung aus Vorsicht und Überraschung zur Kenntnis. Aus eigener Kraft richtete sie sich in eine sitzende Stellung auf und wischte sich zögernd mit ihrem Halstuch das Gesicht ab. Sie blinzelte ihre Tränen fort, während sie Washi anblickte, der ihr nach wie vor Hilfe anbot, und sagte störrisch: "Ich komme nicht mit, solange Sie nicht versprechen, mit mir zu reden."

Washi gab keine Antwort, zog seine Hand aber auch nicht zurück.

Rakka deutete dies als stillschweigendes Einverständnis und ergriff mit ausgestrecktem Arm Washis derbe Hand. Diese erschien ihr knochig und gichtig, ganz anders als die warme, fleischige Handfläche, die nur ganz wenige Wochen zuvor im Augenblick einer anderen Krise ihren Kopf gestreichelt hatte. Dennoch enthielt sie nach wie vor Lebenskraft, und Rakka stand auf.

Was sich jedoch als Fehler herausstellte. Augenblicklich begann sich alles um Rakka zu drehen, und ihr Gesichtsfeld vernebelte sich mit grünlich-schwarzem Flaum. Sie fühlte noch, dass sie in ein weiches Gewebe eingewickelt wurde, dann wurde ihr schwarz vor Augen.


Als Rakka ihre Augen öffnete, sah sie Zweige und Baumwipfel langsam an sich vorüberziehen und als Hintergrund ihres begrenzten Sichtbereichs den klaren blauen Himmel. Ihr Blickfeld wogte leicht hin und her. Direkt über ihr blickte das verschleierte Gesicht einer Person in einer Robe und mit einem seltsamen Hut auf einen Punkt in Marschrichtung; an ihrer rechten Seite erkannte sie Washi, der auf seinen Stock gestützt nebenher ging.

Erst nach einer ganzen Weile begriff sie, dass sie in einer improvisierten Sänfte durch einen Teil des Westwaldes getragen wurde. Als sich der Nebel in ihrem Gehirn lichtete, erkannte sie, dass ihre Träger nicht Touga, sondern Tempelarbeiter waren. Ihre unmittelbare Reaktion war eine des Mitgefühls: Sie, die gesegnete Haibane, wurde hier getragen von denen, die ihren Tag des Abflugs niemals haben würden...

Sie blickte zu Washi hin und versuchte, eine sitzende Stellung einzunehmen. Sie war jedoch gut gesichert in einer dünnen Decke und erkannte ihr Vorhaben als zu anstrengend. Washi war ihre Bewegung allerdings nicht verborgen geblieben, denn er sagte, ohne sie anzusehen: "Ruh dich aus, Haibane Rakka."

Rakka gehorchte. "Wohin bringen Sie mich?"

Washi drehte seinen Kopf in ihre Richtung. "Wir begleiten dich in die Klinik von Guri. Falls sich dort herausstellen sollte, dass du dazu in der Lage bist, werden wir dich zurück nach Old Home bringen", sagte er durch seine Maske hindurch.

Bei diesen Worten versuchte Rakka erneut, sich aufzurichten. "Mir geht es gut!" behauptete sie nachdrücklich, obwohl sie selbst nicht sonderlich davon überzeugt war. Um auf die Verlagerung ihres Schwerpunktes zu reagieren, mussten die Träger ihrer Sänfte den Schritt wechseln, damit sie nicht herunterfiel, und ihre gleichmäßige Bewegung wurde für ein paar Augenblicke unstet. Washis Körpersprache ließ erkennen, dass auch er von dieser Entwicklung beunruhigt war, weshalb Rakka ihre Bemühungen umgehend einstellte.

Der Zug setzte seinen Weg fort, doch nach einer Weile begann Rakka wieder zu reden. "Ich möchte in den Tempel."

Washi, der sich auf den Weg voraus konzentriert hatte, reagierte mit einem verwirrten "Hm?".

Rakka erklärte ihre Absicht genauer. "Sie haben versprochen, mit mir zu reden. Old Home und ich sind in großen Schwierigkeiten, und wie Sie mir bei unserer ersten Begegnung gesagt haben, soll ich zu Ihnen in den Tempel kommen, dann würden Sie für mich da sein. Und für uns alle."

Washi ging weiter, scheinbar ohne ihre Äußerung zur Kenntnis zu nehmen. Doch dann hörte Rakka ihn zwischen seinen langsamen Schritten zweimal kurz hintereinander mit seinem Stab auf den Boden pochen. Die Träger blickten kurz zu ihm hin und schienen seine Absicht auch ohne Unterhaltung oder den Austausch von Zeichen verstanden zu haben.

Rakka entspannte sich, schloss die Augen und erlaubte dem sanft wogenden Rhythmus, einen Teil ihrer Beschwernisse dieses Tages hinwegzuspülen.


Als sie sich dem Tempel näherten, fühlte Rakka sich erstaunlich erfrischt. Washi, der den größten Teil des Nachmittags schweigend verbracht hatte, musste dies bemerkt haben, denn er sagte unaufgefordert zu ihr: "Eine Reise in den Westwald sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Andere Haibane sind bei solchen Unternehmungen schon krank geworden. Merk dir das in Zukunft."

"Jawohl", sagte Rakka fügsam.

Der Zug hielt direkt vor dem Eingang des Tempels an. Behutsam setzten die Träger die Sänfte ab und traten beiseite, als Washi hinzu trat und Rakka die Hand reichte. Sie ergriff diese und stand vorsichtig auf. Obwohl sie sich noch ein bisschen schwach auf den Beinen fühlte, war sie in der Lage, ohne fremde Hilfe zum Eingang zu gehen. Rakka machte eine geringfügige Geste, von der sie hoffte, sie würde von ihren Trägern als Dankbarkeit verstanden werden. Diese warteten noch einen Moment, womöglich um ihr anzudeuten, dass sie die Geste zur Kenntnis genommen hatten, und machten sich dann an die Arbeit, die Bestandteile der Sänfte aufzusammeln.

Washi gab den Bediensteten am Tempeleingang, die bereit waren, Rakka mit Flügelglöckchen auszustatten, einen Wink, sich zurückzuziehen. Sie und Washi gingen schweigend in Richtung des mittleren Tempelbereichs weiter. Ein weiterer Bediensteter erschien und versorgte Rakkas verletzten Arm, den er wortlos mit einem Antiseptikum reinigte. Anschließend legte er ihr einen sterilen Mullverband an, während Washi aus der Nähe zusah.

Als er fertig war, schickte Washi den Bediensteten fort und betrat gemeinsam mit Rakka den Innenhof. Er nahm auf einem kleinen Stuhl Platz, während Rakka in ergebener Haltung vor ihm stand.

Nach einer kurzen Pause sagte Washi gebieterisch: "Sprich, ich erlaube es dir."

Rakka legte los: "Ich verstehe nicht, was hier passiert. Dieses Mädchen, das einmal Reki hieß, hat ihren Tag des Abflugs nicht erlebt, und wir in Old Home können uns nicht an sie erinnern. Aber es sieht so als, als müsste sie etwas unternehmen, wenn Nemu geholfen werden soll, und dazu ist sie nicht bereit. Nemu ist jetzt sündengebunden und ihr Traum könnte vielleicht wichtig für sie sein, um ihren Tag des Abflugs zu erreichen, aber sie fürchtet sich zu sehr..."

Washi unterbrach ihren Redefluss. "Haibane, ist dir die Bedeutung von 'Vergebung' bewusst?"

Rakka war sprachlos. Die Frage schien aus dem Nichts zu kommen. "Was?"

Washi formulierte seine Frage anders: "Haibane, sind dir die Auswirkungen von 'Vergebung' bewusst?"

Eine Seite aus Rekis Tagebuch blitzte in Rakkas Bewusstsein auf: Tut mir leid, Kuramori, mir wurde nicht vergeben. "Ich nehme an, sie bewirkt, dass man nicht mehr sündengebunden ist ", stammelte Rakka.

"Wer vergab dir?" fragte Washi geduldig.

"Der Vogel im Brunnen", antwortete Rakka, die nun zum ersten Mal bemerkte, wie seltsam diese Worte in ihren Ohren klangen. "Der Vogel hat mir die Vergebung über die Mauer gebracht..."

"Was bedeutet es also, wenn jemand etwas vergibt?" bohrte Washi nach.

Rakka war verlegen. "Ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll. Ich denke mal, es bedeutet, dass die Person, die jemandem vergibt, ihre Enttäuschung überwindet..."

"Jemandem zu vergeben", dozierte Washi, "bedeutet, aus freien Stücken die Konsequenzen eines Fehlverhaltens gegenüber einem selbst zu akzeptieren und der Person, welche einem dieses Unrecht zugefügt hat, dies nicht länger nachzutragen. So, nun frage ich dich noch einmal: Wer vergab dir?"

Rakkas Gedanken wanderten zurück zu ihrer Unterhaltung mit Washi in der Nacht, als sie aus dem Brunnen gerettet worden war. "Jemand... ich weiß nicht, wer... in meinem vorherigen Leben... ich habe dieser Person Unrecht getan. Ich habe sie zutiefst verletzt. Ich dachte, ich wäre ganz allein, doch diese Person war immer für mich da gewesen... und... diese Person wurde zu meinem Vogel..."

"Und der Vogel hat sein Leben geopfert, um dir diese Nachricht zu bringen. War dies seine Vergebung?"

Rakka nickte missmutig. "Ich verstehe nicht so recht, wie oder warum, oder was genau diese Person alles aufgegeben hat..."

Washi blieb still. Es war Rakka, die als nächste das Wort ergriff: "Aber das erklärt mir nicht, warum Sie die ganze Zeit nicht mit mir reden wollten", sagte sie leicht verärgert.

"Was bedeutet Vergebung?" begann Washi erneut.

Rakka schüttelte den Kopf. "Wie ich gesagt habe: Zu akzeptieren..."

Washi unterbrach sie. "Nemu ist sündengebunden. Wer kann ihr Vergebung gewähren?"

Rakka dachte nach, fand aber keine zufriedenstellende Antwort. "Ich weiß nicht."

"Dann musst du es herausfinden", sagte Washi rundheraus.

"Aber Sie müssen es doch wissen!" meinte Rakka frustriert. "Sie sind der Einzige, der sich an Reki erinnern kann, oder? Sie müssen wissen, was zu Nemus Krankheit geführt hat. Sonst scheint es niemand zu wissen. Warum sagen sie es mir nicht einfach?"

Washi blieb unerschütterlich. "Reki war sündengebunden. Wer hätte ihr Vergebung gewähren können?"

Rakka wurde immer ungeduldiger. "Ich weiß es nicht, und ich glaube nicht, dass Reki jetzt noch Lust darauf haben könnte, es mir zu sagen."

Washi nickte. "Damit hast du Recht. Niemand außer dir wusste, wieso sie sündengebunden war, doch aufgrund ihres Verschwindens hast du es vergessen. Dafür bist du nicht verantwortlich."

Rakka verspürte ein flaues Gefühl in ihrer Magengrube. Warum schienen alle Wege bei ihr zusammenzulaufen?

Washi fuhr fort. "Rekis Fehlverhalten richtete sich gegen sie selbst. Sie ergab sich ihrem Schicksal. Anfangs hätte nur Reki sich selbst vergeben können, am Ende jedoch..."

"Aber Sie sagten doch, niemand könne sich selbst vergeben!" rief Rakka dazwischen.

"...richtig, und deshalb benötigte sie jemanden, um ihr zu helfen, doch sie weigerte sich, um Hilfe zu bitten..."

Rakka erinnerte sich wieder an Hyoukos Frage. "Aber wieso? Warum hat sie nicht darum gebeten? Niemand in Old Home hätte ihr das abgeschlagen..."

"Bist du dir da ganz sicher?" fragte Washi skeptisch. "Wodurch ist Reki zu der Auffassung gelangt, dass jeder sie im Stich gelassen habe? Hat sie sich das nur eingebildet - oder ist da vielleicht etwas Wahres dran?"

Rakka fühlte sich in einer Sackgasse: "Ich weiß es nicht und ich sehe auch keine Chance, das jemals herauszufinden, so verbittert und hasserfüllt wie Reki nun ist..."

Washi schien dies nicht zu überzeugen. "Haibane, was ist schlimmer: Zu glauben, dass man Hilfe benötigt oder sogar Vergebung, und nicht darum zu bitten; oder sich zu verhalten, als ob jemand einen gekränkt habe, obwohl dies gar nicht der Fall war, und dann dieser Person die Vergebung für die nur in seiner Einbildung existierende Kränkung zu versagen?"

Rakka antwortete sofort: "Letzteres, denke ich: Erst unberechtigterweise eine Entschuldigung zu fordern und diese dann nicht zu akzeptieren. Aber egal ob Einbildung oder nicht - ich glaube nicht, dass Reki jemals irgendjemandem vergeben wird..."

"Ich bezog mich nicht auf Reki."

Rakka stutzte. "Aber Reki..."

Washi hob seine Hand. "Du musst jetzt Sumika besuchen."

Rakka runzelte die Stirn. "Sumika?"

"Sumika weiß, wo Nemu derzeit betreut wird. Du musst deinen Frieden mit Sumika machen und danach mit Nemu reden..."

"Frieden?" Rakkas Verwirrung nahm von Minute zu Minute zu.

"Es gibt noch so vieles, was du nicht weißt, und die Zeit wird knapp. Falls Nemu und Reki gerettet werden sollen..."

"Augenblick mal!" sagte Rakka, hob beide Hände und schüttelte den Kopf. "Wollen Sie damit sagen, das Reki auch jetzt noch gerettet werden kann?"

Mit einer eigentümlichen Mischung aus äußerstem Ernst und ungezügelter Aufregung in seiner Stimme antwortete Washi: "Ja."


Fortsetzung in Kapitel 12: Nemuki


Valid XHTML 1.1 Valid CSS