Uso Da

Eine alternative Realität zu Haibane Renmei


Kapitel 10: Apostat

Ungläubig starrte Rakka Reki an. "Reki, ich meine das ernst, und das ist nicht zum Lachen! Von allen Haibane müsstest du..." dann brach sie ab.

Rekis Lachen verklang in einzelnen Glucksern. Immer noch grinsend wischte sie sich eine Träne aus ihrem Auge. "Ach, die arme, arme Nemu! Gottes Geschenk für Guri ist auf dem Boden der Tatsachen angekommen." Plötzlich wurde Reki ernst und warf Rakka einen eisigen Blick zu. "Endlich hat die Gerechtigkeit Einzug in Old Home gehalten."

Rakka spürte ein Kribbeln in ihrer Wirbelsäule, dann raste der Ärger von ihrem Herz in ihre erröteten Wangen. "Was hat Nemu denn getan? Sie war immer nett und hat mir und den anderen Haibane immer geholfen..."

"Und was habe ich verbrochen?" fauchte Reki zurück. "Ich wurde mit sündengebundenen Flügeln geboren!! Nemu hat mich von Anfang an abgelehnt. Die einzige, die über den Zustand meiner Flügel hinwegsah, war Kuramori - und die hat die Mauer mir genommen. Also sendet Gott mir Nemu, um mich all die Jahre daran zu erinnern, dass ich sündengebunden bin... und nun sendet Er mir Rakka, um mich daran zu erinnern, dass mir nicht vergeben wurde." Reki grinste schief. "Tja, Nemu, das hast du nun davon. Und ich könnte hier eh ein bisschen Gesellschaft brauchen..."

"Reki, weißt du überhaupt, wie viele Leute dein Verschwinden aus der Bahn geworfen hat? Uns alle in Old Home, sogar ein paar der Kleinen... und Hyouko..."

"Oh, armer Hyouko. Den Trottel hat doch Midori um den kleinen Finger gewickelt. Der wird sich schon wieder einkriegen."

Rakka kochte vor Wut. "Hyouko..." Sie hielt inne, verzweifelt darüber, dass sie etwas anscheinend Unmögliches versuchte. "Nemu braucht deine Hilfe!"

Bedächtig schüttelte Reki ihren Kopf. "Du machst wohl Witze? Auf diesen Tag warte ich seit sieben Jahren! Ich freue mich schon darauf, ihr Gesicht zu sehen, wenn sie hier aufkreuzt."

Rakka stand kurz davor, ihre Beherrschung zu verlieren. "Reki, du bist egoistisch!"

"EGOISTISCH?!" schrie Reki. "Ich bin dazu verdammt, die nächsten fünfzig... vielleicht sechzig Jahre in dieser gottverdammten Hütte abzusitzen, und du findest es egoistisch, dass mich das ankotzt?" Sie schmiss Palette und Pinsel in die Hecke und ging Schritt für Schritt auf Rakka zu. "Ich sitze hier in der ersten Reihe mit Blick auf die Ruinen, darf mir jeden Tag des Abflugs ansehen, und du findest es egoistisch, dass ich sauer darauf bin, diesen selbst nie erleben zu dürfen? Da kommt nun also die kleine Rakka mich besuchen, die gesegnete kleine Rakka, und erzählt mir, dass die Heilige Nemu von ihrem hohen Ross gefallen ist, und du findest es egoistisch, dass ich glaube, einmal, ein einziges Mal, sei in Guri etwas gerecht abgelaufen?"

Rakka merkte, wie sie vor der herannahenden Reki zurückwich. Eine Hand hielt sie unbewusst nach hinten gerichtet auf der Suche nach dem Durchgang der Hecke, falls sie einen Fluchtweg benötigte, die andere hatte sie abwehrend nach vorne ausgestreckt, um Distanz zwischen sich und Reki zu halten.

Zornig fuhr Reki fort: "Ich kann hier nicht weg! Klar, ich hab's versucht. Und nicht nur einmal. Ich komme nicht weiter als bis zum Waldrand, dann wird mir so übel, dass mir die Luft wegbleibt. Ich muss so schnell wie möglich wieder hierher zurück. Und weißt du was? Du bringst diese Luft mit bei deinem Besuch. Du stinkst für mich wie ein Tier. Es ist kaum zu ertragen, hier zu stehen und mit dir zu reden. Und du hältst mich für egoistisch?"

Rakka wusste dem nichts zu entgegnen. Ein immer größer werdender Teil ihrer selbst wollte weglaufen, so schnell wie möglich, zurück nach Old Home, zurück in die Sicherheit ihres Zimmers und die Gemeinschaft mit Hikari und Kana...

Reki hatte den Abstand zwischen den beiden so weit verkürzt, dass nur noch wenige Zentimeter sie von Rakkas Gesicht trennten. Rakka atmete den Zigarettenrauch ein und sah einen wilden, anscheinend hasserfüllten Blick auf sich gerichtet.

"Mag sein, dass ich keine Vergebung verdient habe, aber das hier auch nicht, finde ich jedenfalls", sagte sie und zeigte dabei auf ihre winzige Behausung. "Du bist in eine grausame Welt hinein geboren worden, Rakka, grausamer als diejenige, die du verlassen hast. Alles, was ich hatte, waren falsche Freunde, die mir vorgegaukelt haben, mich zu mögen, und wahre Freunde, die mir weggenommen wurden... und Freunde, denen Gott vergeben hat, um mir zu zeigen, was es bedeutet, diese Vergebung nicht zu erhalten... alle haben mich im Stich gelassen, ohne jede Ausnahme!"

Rakka starrte Reki an. Sie fühlte sich einsam und verlassen. Reki drehte sich um und ging auf die Türe ihrer Hütte zu. "Die Besuchszeit ist zu Ende. Und spar dir die Mühe, nochmal hier aufzutauchen. Mein Bedarf, dich zu sehen, ist gedeckt."

Niedergeschmettert versuchte Rakka, etwas zu sagen: "Reki..."

Reki fuhr herum, und nun war der Hass in ihrem Gesicht nicht zu verkennen. "Hast du nicht gehört? Verschwinde! Lass mich in Ruhe! Nimm deine gesegneten, unbefleckten Haibane-Flügel und geh heim, Babysitten und die Wände im Tempel schrubben. Ich will dich nicht mehr sehen! Nie wieder!"

Rakka machte mehrere Schritte rückwärts, vermied erfolgreich den Kontakt mit der Hecke, taumelte dann jedoch in einen der Dornenbüsche, die den Trampelpfad säumten. Aufgrund in ihrer hektischen Bewegungen zerfetzten die Dornen den Ärmel ihres Kleides und drangen ihr tief ins Fleisch. Sie ruderte mit den Armen, was den Schaden noch weiter vergrößerte, bevor sie sich endlich losreißen konnte. Sie blickte hoch in Rekis erbarmungsloses Gesicht und begann, den Pfad entlang zu laufen, wobei Tränen ihren Blick verschleierten.


Minutenlang schien Rakka nur zu rennen. Ihr war bald bewusst geworden, dass sie in die falsche Richtung lief (nämlich weiter den Pfad entlang statt den Weg zurück, den sie gekommen war), aber sie wollte die Nähe der beiden Häuser, die sie gesehen hatte, meiden. Auf ihrem Weg kam sie an einem weiteren Haus vorbei, nahm sich aber nicht mal einen Moment Zeit, um nachzusehen, ob es bewohnt war.

Schließlich blieb sie stehen, um wieder zu Atem zu kommen, beugte sich nach vorne und stützte sich auf ihre Knien ab. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihr linker Arm die ganze Zeit blutete und einige Tropfen bis zum Ellenbogen hinab gelaufen waren. Mit Schrecken stellte sie fest, dass ihr Kleid blutbefleckt war, und eine rasche Untersuchung ihres Oberarms durch den zerrissenen Stoff machte ihr bewusst, dass die Blutung auch jetzt noch nicht gestillt war. Die Wunde begann zu brennen, und als sie ihre Tränen abwischte, hatte sie es doch tatsächlich geschafft, dass auch noch der Schweiß ihrer Hand ihr in den Augen brannte.

Die Hitze des Tages schien diesen Teil des Waldes stärker zu durchdringen als andere, und trotz ihrer Erschöpfung verspürte sie einen Drang, nicht stehen zu bleiben. Sie marschierte nun vorsichtiger, vergewisserte sich, dass sie sich weiterhin auf dem ursprünglichen Pfad befand, und bald darauf sah sie eine weitere Gabelung. Der eine Weg führte in Richtung eines dichteren Abschnitts des Waldes, während ihr der Bewuchs in der anderen Richtung dünner vorkam. Sie wählte die letztere Richtung und stellte bald fest, dass sie auf diesem Weg aus dem Blattwerk herauskam. Und direkt vor ihr befand sich...

Die Mauer.

Weder von den Ruinen noch von dem diese umgebenden freien Feld war etwas zu sehen. Rakka war weit nach Norden geraten und würde wohl ihren Rückweg nach Old Home um den Westwald herum und über den Hügel der Winde nehmen müssen. Doch die Mauer hatte an dieser Stelle etwas an sich, das ihr die Angst auf die Eingeweide presste. Sie schien den Blick nicht von ihr abwenden zu können, obgleich der Wunsch, von ihr weg irgendetwas Anderes anzusehen, sie zu überwältigen drohte. Die Mauer stand einfach da, unveränderlich in ihrer Majestät und Absolutheit.

Sie schien ihr sogar ein Zeichen zu geben, näher zu kommen. Rakka wehrte sich dagegen, fühlte aber ihre Entschlossenheit dahinschmelzen. Die Mauer griff nach ihr...

Plötzlich wurde Rakka überflutet von Gedanken und Bildern, die ungefragt in ihre Seele eindrangen. Sie sah Nemu, ausgemergelt und sündengebunden; einen mutlosen Hyouko und eine todunglückliche Midori; eine frustrierte Hikari, die mit aller Kraft versuchte, ihren Pflichten nachzukommen und gegen die Zerfallserscheinungen in Old Home anzukämpfen; eine nachdenkliche und unkonzentrierte Kana, zutiefst beunruhigt durch ein sich immer vernunftwidriger verhaltendes Guri. Und schließlich sich selbst, zerschrammt und blutend, in jeder Hinsicht gefangen in einer Lage, aus der sie keinen Ausweg wusste.

Es kam Rakka vor, als würde die Mauer die Kontrolle über ihre Gedanken übernehmen. Sie versuchte, sich dem zu widersetzen, indem sie die Augen schloss und das Gesicht mit den Armen bedeckte; nichts davon zeigte eine Wirkung. In ihrer Verzweiflung hob sie einen Stein vom Boden auf und warf ihn in Richtung der Mauer. Er flog einige Meter zu kurz.

"Du verdammtes Miststück!" verfluchte sie die Mauer. "Hör auf damit!! Ich will nichts mehr davon sehen!" Doch immer neue Bilder fanden den Weg in ihr Bewusstsein: Sumika, in einem verdunkelten Zimmer sitzend... verbarg Sumika etwas vor ihr? Die jüngeren Haibane, zunehmend angespannt wirkend, nachdem ihnen der Stimmungsumschwung in Old Home nicht verborgen geblieben war. Und Reki, die die Leinwand ihres schönen Ruinen-Gemäldes in Streifen zerfetzte...

Rakkas Beine gaben nach und sie fiel nach vorne auf die Knie, auf welche sie ihre Hände gestützt hatte. "Aufhören!!" heulte sie und griff nach einem weiteren Stein. Sie nahm all Reserven zusammen und schleuderte ihn unbeholfen in Richtung der Mauer; diesmal traf er und zerstob bei seinem Einschlag mit einem dumpfen Geräusch, das in keinem Verhältnis zu seiner Größe stand, zu einer Staubwolke.

Schlagartig brach die Bilderflut ab. Erschöpft und schweißgebadet sackte Rakka in sich zusammen. Stechmücken umkreisten ihr Gesicht und krabbelten ihr über das Genick. Sie schenkte ihnen keine Beachtung.

Einige Augenblicke später hörte Rakka eine Bewegung ganz in der Nähe. Sie drehte ihren Kopf in die betreffende Richtung um und fiel dabei vor Schreck auf einen Ellbogen.

Hinter ihr stand Washi.


Fortsetzung in Kapitel 11: Synkope


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