Uso Da
Eine alternative Realität zu Haibane Renmei
Kapitel 8: Vorbereitungen
Rakka starrte auf die Karte, dann blickte sie Sumika an. "Sie lebt?"
Sumikas Blick spiegelte Unsicherheit wider. "Das glaube ich jedenfalls. Wir glauben es. Ehrlich gesagt, wir wissen es nicht sicher, das könnten nur Washi und die Touga."
"Redet ihr nicht miteinander?"
Sumika streckte ihren Arm aus und berührte Rakkas Schulter. "Es mag schwer für dich zu begreifen sein, aber jeder von uns hat seine eigene Rolle. Wir reden schon miteinander, aber es gibt Dinge, die Washi selbst uns nicht mitteilt. Wahrscheinlich ist er der einzige von uns, der sich tatsächlich an Reki erinnert. Oder, besser ausgedrückt", sagte sie, den Blick gen Horizont gerichtet, "er ist der einzige, dem es erlaubt ist, sich an Reki zu erinnern."
"Kann... Reki sich erinnern?"
Sumika lächelte verhalten. "Das wirst du schon selbst herausfinden müssen. Falls sie es tut..." Sumika hielt inne. "Sagen wir mal so: Ein Teil von mir hofft es, ein anderer befürchtet es. Es wäre vielleicht einfacher, wenn sie es nicht täte."
"Was wäre einfacher?" fragte Rakka ziemlich verwirrt.
Sumika schüttelte den Kopf. "Nun, da du dies weißt, muss du selbst entscheiden, was du als Nächstes tun willst. Du kannst mit den anderen Haibane darüber reden, wenn du möchtest. Ich möchte dich nur darum bitten, dass, falls du dich dafür entscheidest, Reki ausfindig zu machen, es alleine erledigst, und zwar möglichst bald. Aber die Entscheidung liegt bei dir." Sumika begann, ihre Sachen aufzusammeln.
Rakka packte Sumika am Handgelenk. "Warte! Ich verstehe es nicht. Falls ich Reki finden sollte, was sage ich ihr? Worüber soll ich mit ihr reden?"
Sumika zögerte. Sie sah aus, als sei sie tief in Gedanken versunken. Dann legte sie ihre Hand auf die von Rakka und sagte: "Ich muss dir erst mal einiges über Nemu erzählen..."
Nach diesem Gespräch kehrte Rakka nur kurz nach Old Home zurück, um eine Nachricht am Schwarzen Brett zu hinterlassen: "Besprechung der älteren Haibane im Gästezimmer heute nach dem Abendessen. Rakka."
Das rostige Fahrrad lehnte in der Nähe des Durchgangs zum Hof. Sie hoffte, Hikari würde es nicht brauchen. Rakka schob das Fahrrad über die Brücke, sprang in den Sattel und trat voller Entschlossenheit in die Pedale. Sie würde bis auf Weiteres nicht mehr im Tempel erscheinen; Washi würde ein paar Tage ohne sie auskommen müssen. Zunächst einmal hatte sie ein paar Einkäufe zu erledigen, und danach musste sie einen Freund besuchen.
Der Angestellte im Gebrauchtkleiderladen hatte Rakka mit zunehmender Verwunderung angesehen, als diese nach einer Wasserflasche, einer Kartentasche und festen Straßenschuhen fragte, aber doch (gutmütig, wie er nun einmal war) die schäbigste Schachtel in seinem Laden durchwühlt und im Nu alle drei gewünschten Gegenstände zum Vorschein gebracht. Die Wasserflasche roch schimmelig, als ob ein nachlässiger Besitzer sie in halbvollem Zustand monatelang in einem Schrank hatte stehen lassen, und die Kartentasche aus grobem Leinen war an einigen Stellen ziemlich abgetragen, doch die Schuhe waren bequem und robust. Sie bezahlte mit einer Seite aus ihrem Buch, lächelte zurück, als er ihr zuwinkte, und verließ dann den Laden.
Ihr Drahtesel knarrte aus Protest, als sie ihn auf ihrem gewundenen Pfad durch die engen Straßen und über die Brücke zur Verlassenen Fabrik malträtierte. Den Geruch des Wassers verband sie einen Moment lang mit einem Ort, an den sie sich nicht wirklich erinnern konnte... und dann war sie wieder am Strampeln und trieb ihr Gefährt an, in Richtung des schmutzigen grauen Gebäudes in der Ferne.
Als sie den Maschendrahtzaun erreicht hatte, bremste sie, stieg ab, lehnte das Fahrrad gegen den Zaun und machte das hinter einem schweren Metallblech verborgene Eingangsloch ausfindig. Sie wusste, dass sie unangekündigt und ohne Einladung hier aufkreuzte... aber machte man das in der Fabrik nicht genau so?
Sobald sie das Gelände betreten hatte, lauschte sie, ob hier irgendjemand wäre; als sie niemanden hörte, ging sie weiter ins Innere des Gebäudekomplexes. Gerade als sie laut 'Hallo' rufen wollte, erklang hinter ihr in einiger Höhe eine Stimme: "Hyouko! Die Tussi mit der explodierten Frisur ist wieder da!"
Leicht ungehalten drehte Rakka sich um. Ein großer Haibane-Junge, vermutlich so um die 18 Jahre alt, stand zwei Etagen über ihr. "Ich heiße Rakka", sagte sie unfreundlich. Ihre Stimme hallte durch den Gebäudekomplex.
"Ist doch egal", meinte der Junge, lachte - und weg war er.
Rakka härte den Klang eiliger Schritte auf Metall und sah Hyouko in einer Türöffnung im Erdgeschoss auftauchen. Der Junge hielt inne, als er Rakka sah, schien sich zu sammeln und versuchte, möglichst ungezwungen zu wirken, als er näher kam. "Freut mich, dich zu sehen", sagte er mit sich überschlagender Stimme. Er wurde rot im Gesicht.
Rakka tat, als merkte sie nichts. "Ich wollte mit dir ein paar Minuten über Reki reden."
Hyouko schien leicht überrascht, nickte aber zustimmend; dann blickte er nach oben und sein Gesichtsausdruck wurde mürrisch. "Was willst du denn?"
Rakka drehte ihren Kopf und konnte gerade noch erkennen, wie sich ein Stockwerk über ihr Midori in den Schatten zurückzog. Rakka war sich nicht sicher, aber es sah aus, als ob das Mädchen geheult hätte. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Hyouko zu. "Was ist passiert?"
Hyouko antwortete nicht, sondern wandte sich in die Richtung, aus der er gekommen war. "Komm mit."
Rakka gehorchte. Hyouko führte sie drei Etagen hoch eine Metalltreppe hinauf. Er lotste sie durch ein paar enge Passagen, dann über eine Planke eines Baugerüsts, die einen Abgrund bis hinab zum Innenhof überbrückte. Das erinnerte Rakka an die Brücke über den Wasserfall auf dem Weg zum Tempel und sie gab sich alle Mühe, ihre Höhenangst zu verbergen. Schließlich erreichte Hyouko eine geräumige Plattform und ließ sich an der Außenkante des Gebäudes zu Boden sinken. Auch dort ging es lotrecht nach unten, und Rakka hielt einen respektvollen Abstand zum Rand, bewunderte jedoch den Ausblick. Vor ihr ausgebreitet konnte sie den Glockenturm sowie ganz Guri liegen sehen; in der Ferne hielt die Mauer still ihre Wache. Rakka setzte sich vorsichtig hin, zog ihr Kleid zurecht und sah Hyouko an.
"Midori und ich haben Zoff miteinander", sagte er. "Das ist nichts Neues, aber diesmal ist es echt heftig."
"Weswegen?"
Hyouko sah sie an, als wäre die Antwort offensichtlich. "Wegen Reki natürlich. Wie Midori sie behandelt hat, sie verletzt hat. Wahrscheinlich glaubte sie, mich zu verteidigen, aber sie hat alles bloß schlimmer gemacht. Außerdem kann ich auf mich selbst aufpassen." Sein Blick schweifte in weite Ferne.
Seine Aussage beunruhigte Rakka. "Äh... und was meint Midori dazu?"
Hyouko schnaubte wütend: "Sie sagt, sie würde sich an nichts davon erinnern. Und man könne sie nicht verantwortlich machen für etwas, woran sie sich nicht erinnere." Hyouko erwiderte Rakkas Blick. "Ich habe die Berichte gelesen. Es passt zu Midori. Ich verstehe nicht, wieso ich das nicht früher gesehen habe. Midori war schon immer so, und ich habe die Augen davor verschlossen. Aber damit ist es jetzt vorbei. Sie ist..." Hyouko brach den Gedanken ab. Er blickte in Richtung Horizont, ohne dabei etwas Bestimmtes anzusehen.
Es war Zeit, das Thema zu wechseln. "Hyouko... Reki könnte noch in Guri sein."
Mit einem Ruck setzte sich Hyouko auf und blickte Rakka voller Spannung an. "Was? Wie kommst du darauf?"
Rakka wich der Frage aus. "Ich glaube, sündengebundene Haibane verschwinden vielleicht gar nicht. Sie könnten im Westwald leben. Morgen werde ich dort nach ihr suchen, wenn das Wetter es zulässt. Aber... ich weiß nicht so recht, was ich ihr sagen soll. Ein paar Ideen habe ich. Aber ich wollte sehen, ob du etwas hast, was ich ihr von dir mitteilen soll, falls ich sie finde."
Hyouko lächelte leicht und rückte seine Baseballmütze zurecht. "Ich weiß was Besseres: Ich komme mit. Ich will sie auch sehen."
Rakka schüttelte den Kopf. "Nein, ich muss alleine dorthin." Rakka sah Hyoukos Blick, verwirrt und vielleicht sogar ein wenig verletzt. "Mehr kann ich dir im Augenblick nicht sagen. Bitte vertrau mir einfach."
Hyouko schürzte seine Lippen. Er lehnte sich zurück, zog den Schirm seiner Mütze über die Augen, verschränkte seine Arme und dachte nach. Nach einigen Minuten unbehaglichen Schweigens begann er zu reden, ohne hochzublicken. "Frag sie, wieso. Frag sie, warum sie glaubte, auf diese Weise verschwinden zu müssen. Und warum sie der Stadtwache nicht gesagt hat, was an der Mauer wirklich passiert ist, warum sie an meiner Stelle die Schuld auf sich genommen hat. Und... frag sie... ob auch ich an allem schuld bin." Hyouko saß da und rührte sich nicht.
Rakka spürte, wie eine Welle des Mitgefühls sie durchflutete. Sie beugte sich nach vorn, stützte sich auf ihre Hände und bewegte sich näher zu Hyouko (und, wie sie bemerkte, dem Rand des Gebäudes) hin. Als die Gesichter der beiden nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt waren, blickte Hyouko sie an.
"Ich werde sie danach fragen", sagte sie ruhig und lächelte. Sie langte zu ihm hinüber und nahm seine Hände in die ihren. Hyouko nickte und drehte dann seinen Kopf weg. Sie spürte, wie er ihren Griff behutsam erwiderte und wie ein schwieliger Daumen sanft über ihre zarten Finger fuhr.
"Findest du alleine hinaus?" fragte er nach einer Weile.
Rakka ließ Hyoukos Hände los und zog sich ein Stück weit von der Kante zurück, bevor sie aufstand. "Klar. Und sobald es etwas Neues gibt, sage ich Bescheid."
Hyouko nickte, ohne sich nach ihr umzudrehen.
Rakka machte sich auf den Weg zur Treppe und begann, die Stufen hinabzusteigen. Dabei hörte sie das schwache Geräusch eines leisen, pulsierenden Schluchzens hören, gelegentlich unterbrochen von einem spitzen Schrei schmerzlicher Qual, der von den Wänden metallisch widerhallte. Auf einem Treppenabsatz blieb sie stehen und lauschte einen Moment lang Midoris Schluchzen, das vom Lüftungsschacht verstärkt wurde. Auf dem Weg zurück zum Zaun versuchte sie, einen Anflug von Schuldgefühl abzuschütteln.
Der Sonnenuntergang tauchte den Himmel in Rot. Ein gutes Zeichen, dachte Rakka. Morgen würde sie ihre Erkundung durchführen.
Als Rakka das Gästezimmer betrat, fand sie Kana und Hikari am Tisch sitzend vor. Die beiden genehmigten sich gerade einen Kaffee nach dem Abendessen, und eine dritte, leere Tasse stand für Rakka bereit. "Dein Teller steht zum Warmhalten im Ofen", sagte Hikari.
"Danke", nickte Rakka, "Das hat noch einen Moment Zeit. Zuerst muss ich mit euch über Nemu reden." Sie zog einen Stuhl zu sich heran und setzte sich.
"Hast du sie heute gesehen?" fragte Hikari beunruhigt. Kanas Augen erhellten sich bei dieser Aussicht.
"Nein", sagte Rakka, schüttelte den Kopf und goss sich eine Tasse Kaffee ein, "aber ich habe Sumika getroffen. Nemu ist sehr krank. Sumika meinte, ich solle euch sagen, dass sie nicht so bald nach Old Home zurückkehren wird."
Hikari lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und blickte in ihre Tasse. Kana forschte nach: "Ist Nemu körperlich krank, oder..."
"Nemu", sagte Rakka, behutsam Kanas Frage unterbrechend, "hat zurzeit etwas, das Sumika eine 'Glaubenskrise' nennt. Aus irgendeinem Grund denkt sie, Gott habe sie verlassen. Sie isst wenig, schläft kaum noch..." Rakka hatte beschlossen, Nemus Flügel nicht zu erwähnen. "Sie hat nach wie vor Alpträume. Das kleine Mädchen verfolgt sie im Schlaf. Und wenn sie wach ist... fühlt sie sich verlassen, als ob Gott ihr Streiche spielen würde."
"Hm. Nemu hat oft gebetet... sie hat ihren Gott immer in hohen Ehren gehalten", meinte Kana. "Und jetzt, nach allem, was passiert ist, glaubt sie, er habe sie im Stich gelassen? Er würde mit ihr spielen? Also da hätte ja unsere Hausmutter noch mehr Mitgefühl als dieser Typ von einem 'Gott'."
"Kana! Reiß dich zusammen!" blaffte Hikari sie an. "Nemus Weltbild bedeutet ihr sehr viel. Ich verstehe zwar nichts davon, aber es ist ihre Sache, woran sie glaubt..."
"Findest du?" fragte Kana und zog eine Augenbraue hoch. "Und was hat ihr ganzer Glaube ihr nun gebracht? Auch ich bin der Meinung, dass in Guri nicht alles mit rechten Dingen zugeht, aber ich denke, dieses Schlamassel hat Nemu sich selbst eingebrockt."
"Jetzt reicht's aber", sagte Hikari, die langsam richtig sauer wurde. "Nemu ist nicht hier, um sich zu verteidigen. Wie siehst du das, Rakka? Du arbeitest im Tempel und hast vermutlich eher eine Ahnung von dem, was Nemu gerade durchmacht."
Rakka war nicht wild darauf, ihre persönlichen Erfahrungen in die Diskussion einzubringen, aber sie konnte nicht verhindern, dass das Bild des Washi vor ihrem geistigen Auge erschien. Der Gedanke erzürnte sie. Falls Washi in Verbindung mit Nemus Glauben stand... Sie erinnerte sich an ihre gemeinsame Arbeit mit Nemu am 'Anfang der Welt'. Der Teil der Geschichte, den Nemu geschrieben hatte, begann für sie nun mehr Sinn zu ergeben. "Ich fürchte, ich muss hier Kana zustimmen", meinte sie ruhig. "Tut mir leid, Hikari, aber nach Sumikas Schilderung scheint Nemu selbst die Hauptverantwortliche für ihren Zustand zu sein."
Hikaris runzelte streng die Stirn. "Nemu ist schon länger hier als wir drei... zusammen! Sie weiß mehr, hat mehr Erfahrung..."
"...und hat nie ihren Tag des Abflugs erlebt", ergänzte Kana lapidar.
Die Unterhaltung kam abrupt zum Stillstand. Rakka suchte nach einer geeigneten Methode, das Gespräch auf Reki zu bringen, als Kana wieder zu reden begann.
"Sieh mal, ich will Nemu doch gar nicht kritisieren. Sie ist krank und verängstigt. Aber falls sie sich in den Kopf gesetzt hat, dass Gott oder die Mauer oder dieses kleine Mädchen es auf sie abgesehen hat, dann können wir nichts weiter für sie tun, als sie von dieser Idee abzubringen."
"Moment mal!" rief Hikari ziemlich laut. "Nemus Traum war wahr, nach allem, was du mir von dem Zimmer dieses Mädchens erzählt hast. Wenn das alles stimmt, wieso meinst du dann, für der Rest wäre es nicht der Fall?"
Kana schüttelte den Kopf. "Sicher, es hat ein Mädchen namens Reki gegeben und sie ist offenbar tatsächlich von irgendwas überrollt worden. Aber ich sehe nicht, was das mit Nemus Gott zu tun haben soll."
Rakka sah ihre Gelegenheit gekommen. "Ich denke, Reki ist noch am Leben und wohnt im Westwald."
Kana und Hikari brauchten einen Moment, um sich klarzumachen, dass es Rakka war, von der diese Worte gekommen waren. "Was hast du da gesagt?" fragte Kana ungläubig. Hikaris Gesichtsausdruck vermittelte einen ähnlichen Gedanken.
"Reki... lebt. Glaube ich jedenfalls. Sie wohnt im Westwald. Dort, wohin alle sündengebundenen Haibane gehen, die ihren Tag des Abflugs nicht erleben."
"Du hast anscheinend zu viel Zeit im Tempel verbracht", sagte Kana, deren Blick erhebliche Zweifel ausdrückte. "Wer hat dir denn dieses Märchen aufgebunden?"
Hikari hob ihre Hand. "Nein, vielleicht ist Rakka da auf etwas gestoßen. Was ich über den Westwald gehörte habe, von Menschen wie von Haibane, klang immer so, als ob es dort spukt... bei den Erzählungen hat es mich jedes Mal gegruselt. Es klingt nicht so weit hergeholt... nicht wahr, Rakka?" Hikari hielt sich mit beiden Händen an ihrer Kaffeetasse fest.
"Ich halte es für überhaupt nicht weit hergeholt. Ich habe das aus einer erstklassigen Quelle", sagte Rakka, wollte gerade ihre Karte hervorkramen, überlegte es sich anders und griff wieder nach ihrer Kaffeetasse. "Es ergibt irgendwie Sinn. Auf jeden Fall gehe ich morgen früh nach ihr suchen. Vielleicht kann sie Nemu helfen... irgendwie..."
Hikari nickte. Kana wirkte nach wie vor skeptisch, hütete sich aber, Rakkas Entschlossenheit zu untergraben. "Na, dann mal viel Glück, was immer auch passieren mag." Sie blickte zur Seite und sagte vor sich hin: "Also das wird hier ja von Tag zu Tag verrückter."
Als Rakka erwachte, war der Himmel von einem makellosen Blau, und die gerade aufgehende Sonne leuchtete golden. Sie beeilte sich mit Waschen und Anziehen; durch ihr Fenster beobachtete sie, wie Kana mit dem Motorroller in Richtung Glockenturm aufbrach. Rakka suchte ihre Ausrüstung zusammen, füllte die Wasserflasche und steckte ihre Karte in die Kartentasche. Sie versuchte, ihr Haar zu bändigen, gab den fruchtlosen Versuch aber bald auf und machte sich auf den Weg ins Gästezimmer.
Hikari begrüßte sie mit einem Lächeln und reichte ihr eine sorgfältig verschnürte Packung Pfannkuchen. "Sei vorsichtig, übernimm dich nicht und versuche, vor der Dämmerung daheim zu sein", sagte sie. "Ich habe vergessen, Kana zu sagen, sie solle die Glocke von Old Home läuten lassen..."
"Nicht nötig", meinte Rakka. "Die läutet oft genug, um mir als Orientierung zu dienen, und ansonsten habe ich ja noch meine Karte..."
"Hm? Eine Karte?" Verblüfft sah Hikari sie an. "Wo hast du denn die her?"
"Von einer Freundin, auf dem 'kleinen Dienstweg'", sagte Rakka leise.
"Ah...", antwortete Hikari, ohne recht zu verstehen. "Also, ich hoffe, du findest, was oder wen du suchst."
Rakka lächelte. "Danke, Hikari. Bis heute Abend." Damit verließ Rakka das ihr so vertraute Gästezimmer, beunruhigt durch den skurrilen Gedanken, sie würde es womöglich nie wieder zu Gesicht bekommen.
Fortsetzung in Kapitel 9: Ironie