Uso Da

Eine alternative Realität zu Haibane Renmei


Kapitel 7: Entlarvung

Nemu war zwar die älteste der Haibane, doch ihr persönlicher Besitz war ausgesprochen überschaubar, wie Rakka feststellte. Sie vermutete zudem, dass der Ort, an den Nemu gebracht worden war, nicht allzu viel an persönlicher Habe erlauben würde. Was der Schutzmann der Bürgerwehr mitnahm, hätte schwerlich ausgereicht, um eine Tüte des Gebrauchtkleiderladens zu füllen.

Hikari zog die Tür zu Nemus Zimmer zu und gab ihr noch einen zusätzlichen Ruck, wie um einer Sache besonderen Nachdruck zu verleihen. "Wir sind uns einig, dass bis zu Nemus Rückkehr niemand diesen Raum betritt, ja?" sagte sie, mehr zur Bekräftigung als um jemanden zu beschuldigen.

Kana und Rakka nickten.

Hikari blieb stehen und starrte zu Boden. Ihr Gesichtausdruck, der zunächst ernst gewesen war, wurde gedankenverloren und verwirrt. Mit leiser Stimme sagte sie: "Was geschieht bloß mit Old Home?"


Es gab noch keine Neuigkeiten über Nemu, als der letzte Schnee des Winters vor dem wärmer werdenden Wetter kapitulierte. Anders als bei Reki hatte die Renmei Nemus Namensschild vom Eingang von Old Home entfernt. Erleichtert stellte Rakka fest, dass sich Nemus Tafel im Inneren der Mauer noch auf ihrem Platz befand. Es war ihr nie gelungen, Rekis Tafel an der Wand zu entdecken; sie schloss daraus, dass noch Hoffnung für Nemu bestand, solange deren Tafel existierte.


Einige Tage darauf erwachte Rakka durch ein eifriges Klopfen an ihrer Tür. Sie bemühte sich, den Schlaf der vorherigen Nacht aus ihrem Kopf zu bekommen. "Wer da?" fragte sie mit wackeliger Stimme.

"Hyouko!" kam als Antwort. Sie hörte, wie sich die Tür zu ihrem Zimmer einen Spalt weit öffnete. "Darf ich reinkommen? Es ist echt wichtig!" sagte eine männliche Stimme von jenseits der Ecke ihres Schlafzimmers.

Rakka zog ihre Bettdecke bis zum Kinn hinauf. "NATÜRLICH NICHT! Wie kommst du bloß auf eine solche Idee?"

Hyouko war hörbar verwirrt: "Aber in der Fabrik machen wir das ständig..."

"Hier ist nicht die Fabrik!" schrie Rakka. "Geh runter ins Gästezimmer, ich komme nach."

Rakka lauschte, konnte aber kein Geräusch mehr hören. "Hyouko?" sagte sie mit eisiger Stimme. Keine Antwort. Sie stieg aus dem Bett, wobei sie ihre Daunendecke als improvisierten Morgenrock verwendete. Sie äugte um die Ecke. Die Tür war geschlossen.

Eilig zog Rakka sich an. Musste dieser Hyouko immer gerade dann bei ihr aufkreuzen, wenn ihr Äußeres am wenigsten präsentabel erschien? Kaum hatte sie das gedacht, da wunderte Rakka sich auch schon darüber, dass sich mit diesem Gedanken beschäftigte. Trotz des leicht frostigen frühen Frühjahrsmorgens beschloss sie, ihr Sommerkleid ohne Jacke zu tragen. Sie kämmte ihr Haar, so gut es ging, putzte mal eben schnell ihre Federn durch und machte sich im Laufschritt auf den Weg zum Gästezimmer.

Als sie dort eintraf, war Hyouko gerade mit dem letzten Bissen eines Pilzomeletts fertig geworden. Sie bemerkte, dass er trotz seiner Eile die Haare gekämmt hatte und ganz annehmbar gekleidet war... und dann wurde ihr klar, dass er seine Baseballmütze nicht trug.

Hikari kam aus der Küche zum Vorschein, nur um jedem der beiden eine Tasse Tee hinzustellen. "Der arme Hyouko meinte, er habe bei sich drüben keine Zeit zum Frühstücken gehabt, also..." Sie drehte sich um und blickte Rakka an. "Er soll nur keine Gewohnheit daraus machen."

"Äh... danke?" sagte Rakka mit ausdrucksloser Miene.

Hikari lächelte verhalten, zog eine Augenbraue hoch und verschwand wortlos wieder in der Küche.

"Woher wusstest du, wo mein Zimmer ist?" fragte Rakka verärgert, aber im Flüsterton.

Hyouko deutete mit einem Stück Toast in Richtung Stadt. Mit halbvollem Mund antwortete er: "Auf dem Weg nach Old Home habe ich Kana getroffen, die hat es mir gesagt. Sie meinte, ich solle direkt hochgehen und mich selber reinlassen."

"Das hat sie doch nicht ernst gemeint!" fauchte Rakka. Na, heute Abend würde Kana was erleben können...

Mit erhobenen Händen, in einer Geste der Ergebung, sagte Hyouko zu seiner Verteidigung: "Ich hab's nicht getan, ehrlich. Ich schwöre! Ich wusste ja, dass du schläfst, ich habe dich schnarchen gehört..."

"Ich schnarche nicht!" rief Rakka nunmehr in voller Lautstärke.

"Doch, tust du." warf eine Stimme aus der Küche ein.

Rakka blickte düster drein. Sie setzte sich neben Hyouko. "Und was ist nun so wichtig zu dieser frühen Stunde?"

Hyouko wischte sich mit seiner Serviette den Mund ab. "Ich habe herausgefunden, dass die Renmei, wer immer das sein mag, keine schriftlichen Aufzeichnungen führt. Zumindest weiß niemand in der Stadt etwas davon."

Vor Rakkas geistigem Auge erschienen die Tafeln im Inneren der Mauer. "Aha. Und...?"

Hyouko zog einen kleinen Stapel Papier aus seiner Gesäßtasche. "Aber die Bürgerwehr tut es. Mein Vorgesetzter bei der Arbeit hat Freunde dort. Die haben ihm diese Aufzeichnungen verschafft, und er hat sie mir gestern Abend gegeben. Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan." Er reichte Rakka die Papiere.

Sie sahen aus wie eine Folge offizieller Berichte, darunter auch... Protokoll einer Kerkerhaft?

Hyouko verwies auf mehrere Stellen innerhalb verschiedener Papiere. "Vor etwa fünf Jahren war Reki eine Zeitlang bei den Behörden ein ständiges Thema. Siehst du das hier? Sie war angeklagt wegen 'Entweihung der Mauer'. Das Seltsame daran ist... laut dieser Berichte hier war ich derjenige, der den Keil hineingeschlagen hat."

"Du erinnerst dich nicht daran?" fragte Rakka, während sie die Papiere durchblätterte.

Hyouko lehnte sich zurück. "Ich erinnere mich daran, dass es regnete. Ich saß auf der obersten Sprosse einer langen Leiter. Ich weiß nicht mehr, warum ich das tat... aus irgendeinem Grunde glaubte ich, einen Weg über die Mauer finden zu müssen. Plötzlich war es, als hätte ein Blitz mich getroffen; ich erinnere mich daran, dass ich abstürzte. Als ich wieder aufwachte, lag ich in einem Bett in der Klinik."

Rakka beendete ihre oberflächliche Untersuchung. Rekis und Hyoukos Namen waren an zahlreichen Stellen erwähnt. "Das hier ist ein Haufen Information, aber du meintest, du hättest etwas Wichtiges..."

"Es geht um Folgendes: Zuerst dachte ich, Reki hätte mich in irgendwas reingezogen. Aber tatsächlich war sie für mich da, als ich verletzt wurde. Schau mal hier: Die Stadtwache entdeckte die Leiter, den Keil und einen Motorroller, mit dem ich uns beide zur Mauer gefahren haben musste. Aber ich wurde in der Nähe des Tempels gefunden, zusammen mit Reki. Es wäre für Reki unmöglich gewesen, mich in meinem Zustand auf dem Roller zu transportieren, der wäre umgekippt. Und nach Hilfe gesucht hat sie auch nicht - vermutlich hätte sie den Weg zurück an diese Stelle der Mauer gar nicht mehr gefunden."

Rakka blickte ihn verständnislos an.

Hyouko versuchte es noch einmal. "Begreifst du nicht? Reki hat mich zurück getragen. Sie muss Stunden dafür gebraucht haben. Und hier: '...rechnen nicht damit, dass er die Nacht überlebt...', '...in kritischem Zustand...', '...laut Arztbericht nur geringe Hoffnung...' - das war ich. So schwer war ich verletzt. Reki hat mir das Leben gerettet... und die Renmei hat sie in den Knast gesteckt."

Nun begann seine Erzählung Sinn zu ergeben. Reki, die sich um Hyouko gekümmert hatte. Reki, die sich um Rakka gekümmert hatte. Rakka...

"Dich haben sie nicht eingesperrt?" fragte Rakka.

"Reki nahm die Schuld für den Zwischenfall auf sich. Sie sagte aus, sie hätte mich dazu verführt, ihr bei der Suche nach ihrer Freundin zu helfen, von der sie annahm, sie habe die Mauer überwunden. Ich habe davon nichts mitbekommen; ich lag monatelang in der Klinik und war nur stellenweise bei Bewusstsein. Ich schätze mal, sie glaubten, mich deshalb nicht noch zusätzlich bestrafen zu müssen, mal abgesehen von der Einschränkung..."

Die Müdigkeit begann, ihren Tribut bei Hyouko einzufordern. Er musste schlucken. "Das hier ist der letzte Bericht von der Stadtwache, direkt nach Rekis Freilassung. Ich lag zu diesem Zeitpunkt noch in der Klinik. Reki und Midori trafen sich an der Brücke zwischen den Stadtbezirken. Es kam zu einem Streit. Die Stadtwache ging dazwischen. Reki wurde medizinische Versorgung angeboten, doch sie lief..."

Rakka hörte ihm schweigend zu. Hyouko schüttelte den Kopf und blickte zu Boden. Ihm versagte die Stimme. "Was kann sie bloß getan haben, das sie ihren Tag des Abflugs gekostet hat? Wieso konnte ihr niemand helfen?"

In diesem Augenblick verspürte Rakka das Bedürfnis, ihre Hand auszustrecken und Hyoukos Kopf zu streicheln. Doch stattdessen ließ sie ihren Blick in die Ferne schweifen. "Das kleine Mädchen in Nemus Traum sagte, es sei Rekis Entscheidung."

Hyouko schob seinen Stuhl zurück und stand langsam auf. Er griff nach der Serviette und wischte damit über seine Wange. "Bitte sag Hikari, dass ich ihr für mein Frühstück danke. Ich muss heim, ich brauche dringend eine Mütze Schlaf." Er griff in seinen Rucksack, zog die Baseballkappe hervor und stülpte diese über seinen Halo. Als er das Gästezimmer verließ, meinte er noch: "Ich kapiere einfach nicht, wie jemand eine solche Entscheidung treffen kann."


Später an diesem Vormittag beschloss Rakka, dass sie mehr als genug gesehen hatte. Sie würde Washi damit konfrontieren, mit oder ohne dessen Erlaubnis.

Als sie den Weg entlang des Hügels der Winde hinunterging, sah sie, dass Sumika ihr auf einem Fahrrad entgegen kam. Rakka blieb stehen. "Sumika! Wie geht es Nemu?"

Sumika fuhr zu Rakka hin, bremste und stieg ab. Sie lächelte finster. "Genau darüber wollte ich mit dir reden", sagte sie leise.


Rakka und Sumika setzten sich unter eine der Windmühlen. Der Boden war schön trocken, der Tau des Grases war längst im Schein der milden, aber warmen Sonne verdunstet. Ein angenehmer Luftzug strich sanft über das Feld; die Flügel der Windmühle drehten sich langsam und überwiegend leise.

Sumika begann zögerlich: "Tut mir leid, dass ich mich damit gerade an dich wenden muss..."

Rakka drehte sich zu Sumika hin und warf ihr einen verwirrten Blick zu.

Sumika schüttelte den Kopf. "Ach was." Sie seufzte. "Es hilft nichts, drum herum zu reden. Nemu ist sündengebunden."

Rakka unterdrückte ein Keuchen. Sie hatte irgendwie damit gerechnet, dass es passieren könnte. Dennoch war sie fassungslos. "Ich dachte, sündengebundene Haibane könnten sich nicht an ihren Kokon-Traum erinnern."

Sumika nickte. "Das stimmt auch. Und viele Jahre lang konnte das auch Nemu nicht, obwohl es ihr nicht bewusst war. Niemand von uns ahnte es. Sie hatte einen Traum in ihrem Traum. Im Lauf der Zeit sind ihr einige Details davon klarer geworden, aber... trotzdem fehlen ihr Teile davon."

Rakka dachte darüber nach. "Und sie will nicht in diesen Traum zurückkehren..."

"Das kleine Mädchen, vor dem sie solche Angst hat, will sie anscheinend bis zum Ende durch ihren Traum führen, aber Nemu fürchtet sich davor, was als Nächstes kommen könnte. Während der letzten Tage hat sich ihr Traum ständig wiederholt - das Haibane-Mädchen steht auf dem Pfad, wird vom Schatten überrollt, das kleine Mädchen sagt, Nemu sei schuld, und dann wacht sie auf. Aber das kann noch nicht alles sein."

Rakka saß schweigend da. Sumika blickte sie an. "Anfangs begriff Nemu gar nicht, was mit ihren Flügeln geschehen war. Als sie es tat, schämte sie sich zutiefst. Sie wollte es vor allen verheimlichen."

Rakka nickte zustimmend. Sie konnte sich gut an dieses Gefühl erinnern. Plötzlich drehte Rakka sich zu Sumika um: "Aber wenn sie sich nicht an ihren Traum erinnert, dann wird sie sündengebunden bleiben, und dann..."

Sumika sah Rakka direkt in die Augen. "Nemu hat ihren Tag des Abflugs seit langer Zeit hinausgezögert. Wir wissen nicht, wieso... normalerweise hat eine Haibane keinen Einfluss auf den Zeitpunkt. Aber sie muss dafür einen Grund gehabt haben, und die Mauer hat es zugelassen. Doch jetzt..." Sumika hielt inne und wendete ihren Blick ab. "Nemu war einmal eine gesegnete Haibane, bereit, Guri zu verlassen. Wir wissen nicht genau, wieso das nicht mehr der Fall ist. Ich habe einen vagen Verdacht..."

"Aber wenn ihr Tag kommt und sie immer noch sündengebunden ist..." unterbrach Rakka sie, bevor ihre Stimme erstarb.

"Dann wird mit ihr dasselbe geschehen wie mit Reki."

Rakka rutschte das Herz bis in die Kniekehlen. "Das wäre..."

Schrecklich. Für alle Beteiligten.

Das Geräusch des Windes war nur noch ein leises Flüstern. Rakka blickte zu Sumika hinüber, wie sie dort saß, besorgt, aber gefasst, die Vögel in der Ferne beobachtend. Rakka kam ein Gedanke.

"Sumika, gehörst du... etwa auch zur...?"

Sumika Gesichtsausdruck verwandelte sich von ernst zu leicht amüsiert. "Was denn, Rakka... hast du geglaubt, die Renmei bestünde nur aus männlichen Geheimniskrämern in langen Roben?"

"Aber... du bist so... jung..."

Sumika fasste das als Kompliment auf. "Alter spielt keine Rolle, im Gegensatz zu Leidenschaft und Hingabe. Und überhaupt, für wie alt hältst du mich eigentlich?" fragte sie lächelnd.

"Fünfzig?"

Sumika blieb fast die Spucke weg. "Also so alt doch nicht!" war alles, was sie herausbrachte.

Rakka grinste. Es war das erste von Herzen kommende Lächeln seit langem.

Sumika fuhr fort. "Als ich noch jünger war, hatte ich eine schwere Entscheidung zu treffen. Ich arbeitete gerne mit Menschen zusammen, besonders solchen deines Alters, aber gleichzeitig las und forschte ich gerne. Ich fühlte mich eingeengt in Guri und dachte daran, die Stadt zu verlassen. Zu diesem Zeitpunkt trat die Renmei an mich heran. Ein solches Angebot konnte ich nicht abschlagen. Ich lebe jetzt glücklicher, als ich je zu hoffen gewagt hätte: Ich habe meine eigene Familie und kann gleichzeitig noch anderen helfen."

"So im Rückblick betrachtet hast du immer mal wieder einen Hinweis fallen lassen... aber ich wäre nie darauf gekommen..."

"Das ist gut so, denn eigentlich darfst du es auch gar nicht wissen. Nemu ahnt nichts davon. Ich fürchtete, sie würde es merken, als wir gemeinsam am 'Anfang der Welt' arbeiteten, deshalb habe ich das Thema einschlafen lassen. Sie kam nie dahinter. Und das sollten auch die anderen in Old Home nicht", warnte Sumika in freundlichem Ton.

Rakka nickte zustimmend. "Und was machen wir nun?"

Sumikas Gesicht wurde wieder ernst. "Ich kann dir nicht sagen, was du tun sollst. Ich weiß es selbst nicht. Und ich darf dir auch keine Information geben, die du nicht realistischerweise selbst herausfinden könntest. Allerdings" sagte sie und zog dabei einen schmalen Umschlag aus der Tasche, "habe ich Regeln schon immer etwas locker ausgelegt." Sie hielt den Umschlag in die Höhe und blickte Rakka an.

Rakkas Augen hingen für einige Augenblicke an diesem Umschlag. "Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll", gestand sie.

"Was passiert nach Washis Erzählung mit sündengebundenen Haibane am Tag ihres Abflugs?"

Rakka erinnerte sich noch recht gut daran. "Er meinte, es käme extrem selten vor, aber wenn es passiert, dann verlieren sie Halos und Flügel, haben keinen Kontakt mehr mit Menschen oder Haibane, und bleiben so bis zu ihrem Tod."

Sumika nickte. Sie wartete.

"Ist das der Grund, wieso wir sie vergessen haben? Weil wir keinen Kontakt mehr mit ihnen haben dürfen?"

Sumika verzog das Gesicht auf eine Weise, die Rakka den Eindruck gab, sie wäre nahe dran, hätte aber das Wesentliche nicht getroffen. "Schon, irgendwie... das könnte ein Grund sein. Aber Guri ist gar nicht so groß, Rakka. Wo könnten solche ehemaligen Haibane leben?"

Rakka dachte nach. "Im Tempel?"

Sumika lächelte. "Diejenigen, die für den Tempeldienst geeignet sind, leben und arbeiten in der Tat dort. Aber nicht alle. Für die übrigen gibt es einen anderen Ort..."

Rakka versuchte, sich ein Bild der Stadt innerhalb der Mauern vorzustellen. Bestimmt nicht in der Stadt; auch die ländlichen Gegenden schieden wohl aus. Blieb also nur.... "Im Westwald?"

Mit einer raschen Bewegung riss Sumika den Umschlag auf, zog einen Zettel heraus und reichte ihn Rakka. Es schien sich um die Kopie einer alten Karte des Westwaldes zu handeln. Sumika deutet auf mehrere Markierungen: "Hier sind die Ruinen einer großen Kathedrale, und da drüben ist eine kleinere Kapelle."

Rakka erinnerte sich daran, wie sie nach Kuus Tag des Abflugs an der Kapelle gebetet hatten, und die Ruinen würde sie in ihrem ganzen Leben nicht vergessen...

"Es gab einmal ein ziemlich großes Kloster, das mit diesem Komplex verbunden war; heute sind davon nur noch ein paar alte Gebäude übrig, jedes davon vermutlich kaum größer als dein Schlafzimmer. Sie liegen verstreut am hinteren Rand des Waldes in dieser Gegend hier. Der alte Brunnen, in den du gefallen bist, wurde früher von diesen Häusern genutzt."

Rakkas Gedanken wanderten zurück zu ihrem Erlebnis im Brunnen. Sie überlegte einen Moment lang und setzte sich dann ruckartig auf. "Die Touga!"

"Gut erkannt. Ja, das ist eine ihrer Aufgaben innerhalb der Mauern von Guri - sie versorgen die dort lebenden ehemaligen Haibane. Deshalb haben sie dich in jener Nacht gefunden."

Rakka sah sich die Karte etwas genauer an. "Also... leben die Haibane in Sichtweite der Ruinen? Das finde ich ganz schön grausam."

Sumika wirkte betroffen. "Es geht hier nicht um Grausamkeit oder Vergeltung. Für alles gibt es einen Grund."

Rakka glaubte, ein leises Zögern in Sumikas Stimme vernommen zu haben. "Ich verstehe noch nicht, was das mit Reki zu tun hat. Reki wurde doch getötet, als der Schatten sie überrollte und zerriss."

"Oh?" Sumika zog eine Augenbraue hoch. "Ihr habt also eine Leiche gefunden?"

Rakka schüttelte den Kopf. "Nein, alles, was wir gefunden haben..." Federn und ein Halo. Rakka hielt inne.

"Ich bin mir nicht ganz sicher", sagte Sumika und klopfte mit einem Finger auf die Karte, "aber ich denke, dieses Mädchen, das einmal Reki hieß, lebt nun in einem der Häuser dort im Westwald."


Fortsetzung in Kapitel 8: Vorbereitungen


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