Uso Da

Eine alternative Realität zu Haibane Renmei


Kapitel 5: Ikone

Rakka war ganz schön mulmig. Sie schluckte nervös und versuchte dann, darüber nachzudenken, was als Nächstes zu tun sei.

Sie verspürte einen überwältigenden Drang, zu dem auf der Karte markierten Raum zu laufen und nachzusehen, was dort sein könnte, das ihre fehlende Erinnerung an 'Reki' erklären würde. Es war offensichtlich, dass sie einst genug über Reki gewusst haben musste, um diesen Namen aufzuschreiben. Wie um alles in der Welt hatte sie das vergessen können?

Andererseits verspürte sie einen vagen Widerwillen dagegen, in diesen Raum einzudringen. Wenn Reki dort gewohnt hatte, mochten dort persönliche Habseligkeiten dieser Person vorhanden sein. Sie erinnerte sich daran, wie ihr fortgesetztes Putzen von Kuus Zimmer nach deren Tag des Fluges einige der Haibane von Old Home gestört hatte. Sie wollte dieses Zimmer nicht ohne die übrigen Mitbewohnerinnen betreten.

Der Zeitpunkt dafür war allerdings ausgesprochen schlecht gewählt. Angesichts der Entdeckung der neuen Kokons würden sich alle Kräfte der Haibane auf die Gewährleistung der Sicherheit derselben konzentrieren. Und auch wenn 'Reki' ein Mysterium war, so doch keines, das auf der Stelle gelöst werden musste, es sei denn...

Es sei denn...

Die Ähnlichkeit in der Aussprache zwischen den Zeichen für 'Reki' und 'überrollt' hatte ihr keine Ruhe gelassen. Sie begann, den Verdacht zu hegen, zwischen dem wahren Namen 'überrollt' und dem Haibane-Mädchen in Nemus Traum könnte eine Verbindung bestehen. Es ging Nemu allerdings wieder besser, und sie selbst würde das Thema vermutlich nicht wieder zur Sprache bringen wollen.

Rakka seufzte. Mehr als alles andere wollte sie Klarheit, selbst wenn jedermann sonst damit zufrieden zu sein schien, nichts zu wissen.

Gemächlich machte sie sich auf den Weg zurück in das neue Kokon-Zimmer.


Als Rakka dort eintraf, stritten sich Midori und Kana gerade darüber, wie man sachgerecht eine Tür aushängte.

"Ich habe in der Verlassenen Fabrik jede Menge Türen ein- und ausgehängt, und so macht man das ganz bestimmt nicht..." meinte Midori unnachgiebig.

"Bei euch sind die Türrahmen ja auch aus Eisen, bei uns aber aus Holz. Das macht einen gewaltigen Unterschied." gab Kana zurück. "Hey, Rakka, mach du doch mal Midori klar, dass sie nicht weiß, wovon sie redet..."

Rakka umkurvte die beiden und suchte im Zimmer nach Hikari. Sie entdeckte diese auf der Fensterbank sitzend beim Versuch, die Außenseite der Fenster abzuwaschen. Der Anblick allein machte Rakka schon nervös.

"Hikari? Hast du mal einen Moment Zeit?"

Hikari blickte nicht zu ihr hinüber. "Was gibt's denn, Rakka? Hast du gefunden, was du gesucht hast?"

Rakka nickte, bevor ihr bewusst wurde, dass dies nichts nützen konnte. "Ja. Äh... erinnerst du dich noch an das hölzerne Namensschild, das du und Kana gefunden hatten? Du weißt doch, das mit dem Namen 'Reki' drauf?"

"Hm, ja. Das hab ich doch dir gegeben. Was hat Washi eigentlich dazu gemeint?"

Rakka blickte finster. "Der hat kein Wort dazu gesagt. Aber ich glaube, ich weiß jetzt, wo sie... gewohnt haben könnte."

Hikari schenkte der befremdlichen Zeitform des Verbs in Rakkas Satz keine Beachtung. "Und das wäre?"

"Hier in Old Home."

Hikari hielt inne, beugte sich ein Stück weit ins Zimmer zurück und starrte Rakka über ihre Brillengläser hinweg an. "Du meinst also, diese 'Reki' hat mal hier gewohnt? Wenn die Hausmutter sich nicht an ihren Namen erinnern kann, dann muss das aber eine Ewigkeit her sein."

Rakka wusste auf diese Äußerung nichts zu entgegnen. "Mag sein. Ich glaube jedenfalls, ich weiß, wo ihr Zimmer war."

"Hm. Klingt... interessant", brummelte Hikari, klang dabei aber alles andere als interessiert. Sie nahm ihre vorherige Fensterputzposition wieder ein.

"Ich wollte mir das mal ansehen, aber nicht alleine..."

"Rakka", sagte Hikari, sich geduldig gebend, "ich habe gerade ein bisschen was zu tun. Wenn das nicht warten kann, dann nimm doch Midori mit, die hält eh bloß Kana von der Arbeit ab..."

Nemu hatte die ganze Zeit altes Gerümpel durchgesehen. Sie stand nun auf, lachte leise und wischte ihre Hände an einem Putzlappen ab. "Ich brauch mal 'ne Pause, Rakka. Ich komme mit, und Midori auch. Zwischen Kana, Hikari und den Handwerkern ist für die übrigen sowieso nicht genug Platz." Sie kam zu Rakka herüber, warf dieser ein verschmitztes Lächeln zu und sagte mit lauter Stimme: "Midori, wir könnten mal für ein paar Minuten deine Hilfe brauchen."

Midori reichte Kana die Wasserwaage mit den Worten: "Na, wenigstens eine, die meinen Sachverstand zu schätzen weiß."


Die späte Nachmittagssonne brach sich an der Wand des verstaubten Korridors, als die drei Haibane an der Tür zu 'Rekis' altem Zimmer angelangt waren. Rakka fühlte einen leichten Druck in der Magengegend, behielt ihre Befürchtungen jedoch für sich. Midori und Nemu hatten die Dauer des Weges dazu genutzt, einander in Sachen Vorkommnisse in beiden Nestern auf den aktuellen Stand zu bringen.

Mit Beklemmung nahm Rakka den Türgriff in die Hand und drückte dagegen. Die Tür klemmte.

Midori erkannte Rakkas Lage und packte mit an. Zu zweit gelang es ihnen, den Widerstand der Tür zu brechen und diese mit einem ächzenden Geräusch aufzuschwenken.

Das erste, was Rakkas Aufmerksamkeit erregte, war der Gestank. Die Luft war durchdrungen von einem Geruch nach Chemie, einer Kombination aus Farbe und Verdünnungsmittel. Dann sah sie den Raum selbst. In der Zimmerecke gegenüber und an der Wand entlang waren Kisten aufgestapelt. In der Nähe des einzigen Fensters dieses Zimmers stand eine verhängte Staffelei.

"Wow", sagte Nemu und zeigte sich aufrichtig überrascht. "Wie lange mag das wohl schon hier gewesen sein?"

Vorsichtig machte Rakka ein paar Schritte in den Raum hinein und bemerkte zwei weitere Türen, je eine auf der rechten und linken Seite. Sie inspizierte den Rest des Zimmers mit einem Blick... und tat vor Schreck einen Sprung rückwärts, als sie hinter der Tür zwei Figuren entdeckte. Sie gewann ihre Fassung wieder... das waren nur Statuen aus Holz, in Menschengestalt zwar, aber auf jeden Fall nicht lebendig. Midori sah Rakkas Gesichtsausdruck, lachte und folgte ihr anschließend in den Raum.

Nemu war die letzte, die das Zimmer betrat. Sie schien den Ort mit einer gewissen Ehrfurcht zu behandeln. "Das muss alles sehr, sehr alt sein... wieso haben wir das nicht früher entdeckt? Das hier könnte ein prima Zimmer für einen unserer Neuzugänge werden."

Midori zog es hin zu der Staffelei. Sie warf einen kurzen Blick unter die Abdeckung, dann zog sie diese über die Oberkante des Gemäldes hinweg. Das Porträt zeigte eine ältere Haibane... "Wer mag das wohl sein?" fragte sie laut.

Nemu blickte auf das Gemälde und rang nach Luft. Sowohl sie als auch Rakka sagten gleichzeitig: "Kuramori". Nemu warf einen ungläubigen Blick in Rakkas Richtung. "Woher wusstest du das?" fragte sie verwundert.

"Ich... weiß nicht." Rakka war verwirrt, woher sie diesen Namen kannte. Noch mehr Nebel in ihrem Kopf...

"Ah..." Midori schien zunächst ungerührt, dann hielt sie inne, als ob eine vage Erinnerung knapp außerhalb ihrer Reichweite läge. Sie sah das Bild erneut an - "ein modisches Desaster", sagte sie kaum hörbar - und ging dann weiter in Richtung Tür auf der rechten Seite des Raumes. Sie war schon fast dabei, anzuklopfen, überlegte es sich dann anders und öffnete bedächtig die Tür. Nach einem vorsichtigen Blick ins Innere trat sie ein.

Nemu schien das Portrait von Kuramori einer genaueren Betrachtung zu unterziehen. Rakka, noch unter dem Eindruck des Schreckens durch die Statuen stehend, war gerade nicht danach zu Mute, die einsame Heldin zu spielen. Sie folgte also Midori, die inzwischen eine Art Schlafzimmer entdeckt hatte.

"Und du meinst also, das alles hier hat dieser 'Reki' gehört?" fragte Midori, während sie einen Blick unter das Etagenbett warf. Sie durchstöberte ein paar Schubladen. "Das war wohl 'ne Ordnungsfanatikerin, was?"

Rakka ließ den Anblick der Schlafquartiere auf sich wirken. Da waren keine Antworten, die sie angesprungen hätten. Sie verspürte eine leise Enttäuschung bei dem Gedanken, dass sie diese Kisten würde durchforsten müssen für den unwahrscheinlichen Fall, dass dort weitere Hinweise auf das Verschwinden dieser Haibane vorhanden wären. "Vor ein paar Wochen haben wir ein Namensschild mit Rekis Namen darauf gefunden. Niemand wusste, woher das stammte, und Washi wollte mir nichts darüber erzählen..." Sie kletterte nach oben, um sich das obere Etagenbett anzusehen. Nichts Ungewöhnliches zu entdecken.

Midori kicherte. "Der tut alles, um seinen Ruf zu wahren, der alte Scharlatan."

Rakka setzte dazu an, Washis leicht fragwürdigen Ruf zu verteidigen, als sie und Midori einen gellenden Schrei hörten. Midori, die gerade näher zur Tür stand, eilte zur Türschwelle, blieb dort stehen, rief "Nemu!" und verschwand dann in Richtung Hauptzimmer.

Als Rakka den Korridor erreicht hatte, war weder von Nemu noch von Midori eine Spur zu sehen. Die Tür auf der anderen Seite des Zimmers war jedoch halb geöffnet. Der Druck in Rakkas Magengegend verstärkte sich. Mit angespannten Sinnen setzte sie sich in Bewegung, quer durch das Hauptzimmer in Richtung der halb geöffneten Tür. Der Raum, den sie noch nicht betreten hatte, war nicht gut beleuchtet. Plötzlich hörte sie Schritte hinter sich...

Rakka wurde beinahe ohnmächtig, als Midori durch die Eingangstür zurückkehrte. "Nemu ist mir entwischt. Ich habe sie nur noch die Treppe hinunterlaufen sehen, mit zwei Stufen bei jedem Schritt", sagte Midori.

"Was ist passiert?"

Mit leicht verängstigtem Blick schüttelte Midori den Kopf und deutete auf die halb geöffnete Tür. "Sie kaum aus diesem Zimmer, als ob sie in Flammen stünde oder sowas. Beide Hände vor dem Mund, die Augen weit aufgerissen. Irgendwas muss sie gesehen haben..."

Rakka war hin- und hergerissen zwischen dem Drang, Nemu durch das weitläufige Old Home hinterher zu laufen und dem Wunsch, herauszufinden, was ihr eine solche Angst eingejagt hatte. Doch wenn irgendeine Art von Gefahr oder Problem vorlag, dann würde sie die anderen warnen müssen.

Gemeinsam näherten sich die beiden vorsichtig dem Zimmer, welches Nemu so erschreckt hatte. An der Türschwelle hielt Rakka inne und blickte sich vorsichtig um. Der Raum war in dunklen Farben bemalt, was es erschwerte, Einzelheiten zu erkennen. Dann...

Midori, die direkt hinter ihr stand, keuchte: "Oh mein Gott!" Rakka sah Midoris Arm über ihre Schulter hinweg auf den Boden deuten.

Der Fußboden des Zimmers war übersät mit Haibane-Federn, der größte Haufen davon nahe der Zimmermitte entlang von etwas, das ein sandfarbener Pfad zu sein schien. Die meisten der Federn wiesen schwarze Flecken auf. Und an der nächstgelegenen Wand lehnte ein zu einem unmöglichen 'V' verbogener, ausgedienter Halo.


Rakka griff nach hinten und packte Midori am Arm. Sie blickte in Midoris Augen, die Verwirrung und Angst erkennen ließen. Rakka würde ihr später einiges zu erklären haben. Aber zunächst einmal...

Rakka lief zum Fenster des Hauptzimmers und öffnete behutsam dessen Verriegelung. Sie drückte die Fensterflügel nach außen, sah sich um und entdeckte die geöffneten Fenster des neuen Kokonzimmers. "Hikari! Kana!" schrie sie quer über den Hof.

Doch sie erhielt keine Antwort. Mit einem unterdrückten Fluch wandte sie sich zu Midori, die noch an derselben Stelle stand wie ein paar Augenblicke zuvor. "Midori! Meinst du, du findest zurück in das Zimmer, wo Hikari geputzt hat?"

Midori riss sich aus ihren Gedanken los und blickte Rakka an. Sie nickte kraftlos.

"Sag ihr, dass Nemu in Schwierigkeiten steckt und wir sie finden müssen."

Midori nickte erneut, zögerte, machte dann kehrt und rannte davon.

Es dauerte einen Moment, bis Rakka bewusst wurde, dass sie allein war. Der Gedanke versetzte sie in Schrecken. Es kostete sie Mühe, die Fassung nicht zu verlieren. "Denk nach!" Was sollte sie als Nächstes tun? Dem Washi Bescheid sagen? Der Bürgerwehr? War hier ein Verbrechen begangen worden?

Tief in ihrem Inneren wusste Rakka, was sie als erstes musste: Raus aus diesem Zimmer. Und zwar sofort.

Sie rannte hinaus und zog die Tür hinter sich zu.


Old Home bestand aus einer beträchtlichen Reihe von Gebäuden, in denen sich jeder mit Leichtigkeit wochenlang unauffindbar hätte verstecken können. Rakka hoffte, Nemu sei einfach zurück in ihr Zimmer gelaufen. Sie machte sich in diese Richtung auf den Weg, nur um herauszufinden, dass sie mit ihrer Vermutung falsch lag.

Daraufhin kehrte Rakka zum Fundort der neuen Kokons zurück. Die Handwerker waren gerade fertig geworden; Midori, von den vorherigen Ereignissen eindeutig verunsichert, achtete darauf, dass die 'Zwillinge' nicht zu Schaden kämen. "Ich glaube", sagte sie abwesend, "ich gehe zurück zur Verlassenen Fabrik, sobald diese Tür repariert ist."

"Ist schon in Ordnung, Midori", sagte Rakka, als die Besucherin sich zum Gehen wendete. "Und... danke fürs Kommen..."

"Keine Ursache", antwortete Midori, ohne aufzublicken.

Rakka begann damit, Old Home systematisch zu durchsuchen. Nach fast einer Stunde hörte sie ein schwaches Geräusch - es war Hikaris Stimme, wie ihr klar wurde. Sie setzte sich dorthin in Bewegung.

Hikari kniete am Fuß eines der Treppenhäuser. Sie redete mit jemandem, der sich unterhalb von ihr in einem kleinen Kriechkeller befinden musste. Rakka näherte sich ihr respektvoll und konnte über Hikaris Schulter hinweg Nemus Kopf sehen. Deren Augen glichen denjenigen eines verängstigten Wildtiers in der Falle. Hikari spürte Rakkas Anwesenheit in ihrem Rücken, wandte sich um und warf ihr einen vernichtenden Blick zu, begleitet von einem Handzeichen: Rakka solle verschwinden, und zwar schnell. Rakka befolgte dies.

Als sie gerade den Innenhof betrat, hörte sie Kana auf dem Motorroller herannahen, dicht gefolgt von... Sumika auf einem Fahrrad. Rakka sagte kein Wort, als die beiden an ihr vorbei gingen; Sumika legte Rakka die Hand auf die Schulter, gab ihr einen leichten Klaps und folgte dann Kana ins Innere des Gebäudes.

Rakka blickte in den Abendhimmel. Der Frühling lag vor der Tür, und das immerwährende Grau lichtete sich zu einem hellen Lavendelblau. Sie sah einen Schwarm Krähen vorüber fliegen...

Hikari kam aus dem Gebäude und ging schnurstracks auf Rakka zu. "Rakka! Was zum Teufel hast du Nemu da angetan?!"

Mit aufgerissenen Augen machte Rakka einen Schritt rückwärts und hob ihre Hände wie zur Verteidigung. Einen Moment lang dachte sie, Hikari würde sie womöglich schlagen. "Ich habe nichts getan. Wir haben Rekis Zimmer gefunden und..."

"Nemu hat schon genug durchgemacht, auch ohne dass du sie in einen verfallenen Teil von Old Home schleifen und sie zu Tode erschrecken müsstest! Mein Gott, sie ist kaum noch zurechnungsfähig. Ständig wiederholt sie: 'Sie sagte, es sei meine Schuld!' Was versuchst du hier eigentlich zu beweisen?"

"Ich weiß nicht, wovon du redest, Hikari, aber ich bin sicher, dass..."

Hikari machte auf dem Absatz kehrt und wandte sich in Richtung des Gebäudes. "Wir reden später, Rakka. Im Moment passiert hier einfach zu viel, als dass ich mir auch noch deine absurden Geschichten anhören könnte."

Hikari stieß fast mit Kana zusammen, die gerade aus dem Gebäude kam. Kana begab sich zu Rakka, die nun in Tränen aufgelöst war.

"Tut mir echt leid", sagte Kana ruhig zu ihr. "Wir kriegen das bestimmt bald geregelt. Aber jetzt sollten wir erst mal schauen, wie weit die Handwerker sind, und danach... möchte ich, dass du mir dieses Zimmer zeigst."

Rakka trocknete sich die Augen und nickte.


Fortsetzung in Kapitel 6: Perspektive


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