Uso Da
Eine alternative Realität zu Haibane Renmei
Keine Stadt für junge Haibane (Anmerkungen des Autors)
(englisches Original im ↗Diskussion-Thread zur Fanfic)
Nun, da die Geschichte ihr Ende erreicht hat, möchte ich ein paar Kommentare abgeben (und damit womöglich eine Diskussion anregen) bezüglich einiger Elemente von Haibane Renmei, die mich fasziniert haben.
In Uso Da habe ich versucht, Antworten auf einige wichtige Fragen anzubieten:
- Woher kommen die Touga?
- Warum tauchten sie genau in derjenigen Nacht, als Rakka im Brunnen gefangen war, dort auf?
- Warum lässt Sumika während der gesamten Serie unscheinbare kleine Hinweise fallen, die wie Zeitbomben wirken?
- Warum gilt der Westwald als gefährlich oder gar unheimlich?
Eine der wirklich fundamentalen Fragen (abgesehen von "Was wäre geschehen, wenn Rakka Reki nicht gerettet hätte?"), welche die der vorliegenden Geschichte zugrunde liegende Serie nicht beantwortet hat, lautet allerdings: Was ist eigentlich mit Nemu los?
Nemu wäre wahrscheinlich ein Paradebeispiel für religiöse Heuchelei. Natürlich sehen wir sie zunächst einmal nicht so: Nach einer Weile verträgt sie sich mit Reki, sieht über deren schwarze Flügel hinweg und schiebt schließlich sogar ihren Tag des Abflugs hinaus, damit Reki den ihren vorher erleben kann...
Tut sie das wirklich?
Halten wir uns einmal an die Fakten, wie sie durch Nemus Werk 'Der Anfang der Welt' zum Ausdruck kommen. Nemu hat einen Minderwertigkeitskomplex. Genauer gesagt: Sie hält alle Haibane für Fehlschläge, die Gott aus seiner Schöpfung zu tilgen vergaß. Rakka schlägt ein lustiges und unblutiges Ende dessen vor, was sehr wohl auch einen ↗Goyaesken Ausgang hätte nehmen können, aber Nemus Einstellung ist offensichtlich: Haibane verdienen es nicht, zu existieren.
Woher sie diese Idee hat, weiß der Himmel. Zu viel Zeit in der Bibliothek verbracht? Hat Sumika ihr entsprechende Hinweise gegeben? Hat sie aus uralten Schriftzeichen eine Geschichte von ↗Lovecraft entziffert? Wir erfahren es nicht. Aber ich wollte eine Erklärung dafür haben.
Rekis Nase passte ihr von Anfang an nicht. Ob Reki in ihrem vorherigen Leben Selbstmord beging oder nicht, ist irrelevant; befleckte Flügel bleiben befleckte Flügel. Aus Doujinshi 4 zu Haibane Renmei ('Rekis Vergangenheit') dürfen wir schließen, dass Nemu zuvor nicht sonderlich viele Nachforschungen in dieser Hinsicht angestellt haben wird. Woher hat sie also die Idee, dass man mit Reki nicht reden dürfe? Erst als Kuramori beim Versuch, den Farbstoff zu beschaffen (als Reaktion auf Rekis Selbstverstümmelung, die wiederum eine Reaktion auf die von Nemu gezeigte kalte Schulter war), beinahe stirbt, beschließt Nemu, ein wenig einzulenken, als Reki (nicht etwa Nemu!) den Ölzweig der Versöhnung anbietet. Kurz gesagt: Nemu mangelt es an spontanem Mitgefühl.
Ich denke, in der Serie wollte ABe andeuten, dass bei Nemu ein Gesinnungswandel stattgefunden hat und sie tatsächlich Rekis Tag des Abflugs abwarten wollte. Doch es fällt auf, dass Nemu praktisch nichts unternimmt, außer abseits zu stehen und zu beten. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Im Zweifelsfall kann ein Gebet ein mindestens genauso wirkungsvolles Mittel sein wie eine Tat. Und vielleicht erreicht Nemus Gebet (in Episode 13) tatsächlich Kuramori, die dann das Fenster öffnet und die Abdeckung von ihrem Gemälde zieht... der Rest ist bekannt.
Vielleicht aber auch nicht. Ich traue diesem Gesinnungswandel bei Nemu nämlich nicht. In Uso Da steht Nemu stellvertretend für alle religiösen Heuchler, die mir zu meinem Verdruss im Laufe meines Lebens über den Weg gelaufen sind - Leute, die es glücklich macht, dich scheitern zu sehen, nur damit sie sagen können, sie hätten es ja immer gewusst, anstatt einzugreifen (sei es durch ein Gebet oder eine helfende Hand). Es mag brutal klingen, aber ich setze voraus, dass Nemu von einem Hintergedanken geleitet wurde: Sie wollte sehen, ob ihre Philosophie bezüglich der Haibane zutraf, nämlich dass diese tatsächlich die niedrigste aller Lebensformen seien und die sündengebundene Haibane erst recht das Allerletzte. Sollte Reki scheitern, dann befände sich Nemus Theologie auf einer soliden Grundlage.
Doch womit Nemu nicht gerechnet hat, das ist die physische Manifestation von Rekis Willen - das kleine Mädchen aus der Serie, das Rakka so lange daran hindert, Reki zu retten, bis Reki selbst um Erlösung bittet. Als Reki aus Old Home verschwand, blieb dieses Mädchen dort - körperlos, ohne physikalische Einschränkungen und somit in der Lage, in Nemus Träumen zu erscheinen und dieser die Schuld für Rekis Selbstzerstörung anzulasten. Womit das Mädchen Recht hat: Es war tatsächlich Nemus Schuld. Nemus anfängliche Ablehnung und ihre späteren Vorbehalte gegenüber Reki vergifteten jegliche Hoffnung, die Reki noch zum Durchhalten bewogen haben mochte, nachdem sie von Kuramori zurückgelassen wurde, ihre Freunde sich gegen sie wandten und sie schließlich von Rakka auf dem Pfad zur Vergebung überholt wurde.
Wenn man die Evangelien liest, dann erkennt man, dass die Sünde, über die Jesus am meisten sprach und die er am stärksten verdammte, nicht Mord, Ehebruch oder Diebstahl ist, sondern - Heuchelei. Ich halte diese für ein universelles Übel. Man könnte die Anschauungen Jesu folgendermaßen zusammenfassen: "Wenn dir bewusst ist, dass du ständig andere Menschen durch Egoismus und Ich-Bezogenheit verletzt, und du dies offen eingestehst, dann lass uns zusammen Essen gehen, ich habe eine gute Nachricht für dich. Aber wenn du dich für etwas Besseres hältst als dieser Obdachlose, dieser schwangere Teenager, dieser Ausländer mit HIV, dann nimm hiermit zur Kenntnis, dass unsere Unterhaltung beendet ist." Von dort ist es nur ein Katzensprung zu "Wer seine Sünde kennt, ist kein Sünder", dem 'Kreis der Sünde' aus Haibane Renmei.
Unglücklicherweise baut das Christentum heutzutage ganz wesentlich auf den ↗Paulusbriefen auf: Diese Episteln, die verfasst worden waren, um zu zeigen, wie die Kirche intern funktionieren sollte, wurden stattdessen zu einer Doktrin der Schmähungen. Kirchenmitglieder lesen Kapitel 1 des ↗Briefs an die Römer, um sich gut zu fühlen, und hören genau dort auf zu lesen, wo der erste Satz von ↗Kapitel 2 folgendermaßen beginnt: "Du, christlicher Eiferer, bist keinen Deut besser als diejenigen, die ich gerade gerichtet habe." Wenn Paulus sagt, dass Gläubige Sünder meiden sollten ("mit einem solchen sollst du nicht essen", ↗1. Brief an die Korinther, 5:11), dann spricht er insbesondere von Gläubigen, die behaupten, gläubig zu sein, tatsächlich aber... Heuchler sind. Doch es ist so viel einfacher, sich von anderen abzugrenzen, als sich seiner eigenen Herausforderung zu stellen.
Nemu muss also gewissermaßen als Prügelknabe für diesen Zustand herhalten. Aber ich finde, sie hat es verdient.
Okay, und was ist mit Sumika? Diese elende, hinterhältige, intrigante...
Hört mal her: Sumika war nicht immer so, und ich denke nicht mal, dass sie wirklich böse war. Ich habe sie sogar mit meiner Mutter verglichen. Aber ich brauchte eine Motivation für Sumika, sich in Rakkas Leben einzumischen. Nach einigem Nachdenken wurde mir klar: Nemu ist Sumikas Adoptivkind. Aus Doujinshi 4 wissen wir, dass beide seit mindestens fünf Jahren zusammen sind, wenn nicht gar bereits Nemus gesamte Zeit in Guri. Und welche liebevolle Mutter möchte schon ihre Kinder vergessen?
Eine kleine Geschichte aus den letzten Tagen des Kampfes meines Vaters gegen seine Alzheimer-Erkrankung: Meine Mutter brachte ihn jeden Tag in die Tagesbetreuungsstelle. Eines Tages, kurz bevor er in stationäre Behandlung kam, kam sie ihn abholen. Als sie zur Tür hereinkam, sagte eine der Pflegerinnen zu meinem Vater: "Sieh mal, wer da gekommen ist!" Mein Vater antwortete: "Ich weiß nicht, wer das ist, aber ich weiß, dass ich sie liebe."
Um wieviel schlimmer wäre es für Sumika gewesen, sich vorzustellen, wie Nemu den Rest ihres Lebens, isoliert und von allen vergessen, im Westwald hätte verbringen müssen! Hätte Sumika einfach weiterleben können, als wäre nichts geschehen? Sumika weiß viel, und sie wird alles in ihren Kräften Stehende unternehmen, damit es nicht so kommt. Ihr einziges Problem: Sie braucht Rakka dafür. Allein kann sie es nicht schaffen. Niemand außer Rakka kann Nemu retten. Deshalb 'beugt sie die Regeln'. Genauer gesagt: Sie schafft eine Situation für Rakka, aus der diese im Grunde nicht entkommen kann. "Aus eigenem freien Willen"? Nun, wahrscheinlich in dem Sinne, dass niemand Rakka eine geladene Waffe an den Kopf hält. Doch die Spuren sind ausgelegt, um die Haibane von Old Home davon zu überzeugen, dass sie irgendwie schuld sind. Selbst Washi ist eingeweiht: Falls Rakka mitspielt, kann er sich endlich zur Ruhe setzen.
Es gab eine Unterhaltung zwischen Rakka und Washi außerhalb des Sichtbarkeitsbereichs der Geschichte, die ich im vergangenen Sommer ausformuliert habe, um das Projekt Uso Da wieder zu beleben. Sie musste in meinen Ohren glaubhaft klingen, sonst hätte ich die Geschichte nicht fortsetzen können. Diese Unterhaltung findet zwischen den Kapiteln 11 und 12 statt. Rakka erfährt dort alles Wesentliche, doch in Wahrheit ist ihre Entscheidung längst gefallen: Rekis Hass schürte Rakkas Entschlossenheit, das Problem zu lösen.
Letzten Endes ist Uso Da wohl ein wenig wie die Guri-Version von "↗Kein Land für alte Männer": Niemand kommt ungeschoren davon. Außer vielleicht Nemu und Reki. Und Sumika. Und Washi. Okay, alle kommen ungeschoren davon außer Rakka. Sie bekommt einiges von dem, was sie sich wünscht, doch sie muss dafür die Rechnung bezahlen. Irgendjemand muss das am Ende immer.
Lest die Evangelien noch einmal. Wenn die Welt voller Pharisäer und selbstsüchtiger, ahnungsloser Gäste ist, von denen sich viele zwar Mühe geben, aber letztlich doch Fehler machen und Versäumnisse begehen, dann muss jemand den Preis dafür bezahlen, oder alle sind aufgeschmissen. Guri ist ein Mikrokosmos der Welt. Und natürlich ist all dies unaufgefordert dem Unterbewusstsein ABes entsprungen und es gibt kein Band, das alles zusammenhält. Es sei denn, wir reden von einer Art unausgesprochener, universeller Erkenntnis, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist, wenn wir wie Reki jeden außer uns selbst für unsere Probleme verantwortlich machen und dann wie Rakka jemanden brauchen, der uns dabei hilft, einen Ausweg zu finden.
Kommentare des Autors zu einzelnen Elementen der Geschichte
(zusammengestellt aus diversen Diskussionen während des Übersetzungsprojekts; 'ich' = der Autor)
Jener 'unerklärliche' Windstoß (der das Fenster zu Rekis Zimmer geöffnet und das Portrait enthüllt hat), war nach meiner Überzeugung Kuramori von jenseits der Mauer (im 'Haibane Artbook' sagt ABe, dass diejenigen Haibane, welche die Mauer überwunden haben, über ihre Freunde wachen).
Was gleichzeitig erklärt, wieso diese Szene in Uso Da nicht stattgefunden hat: Kuramori ist derzeit ja als Deshi tätig. Und außerdem hat Nemu in der Nacht zum Jahreswechsel geschlafen und nicht gebetet...
Es war immer Thema der Diskussion, ob Washi ein gescheiterter Haibane war, oder ein Haibane, der auf seinen Tag des Abflugs freiwillig verzichtet hat, oder ein Mensch...
Um ehrlich zu sein, wenn man Episode 11 des Anime ansieht, erscheint mir die Antwort angesichts der Kameraführung ziemlich klar: Washi ist ein gescheiterter Haibane. Wenn er davon erzählt, wie sündengebundene Haibane ihren Halo und ihre Flügel verlieren, fährt die Kamera über die künstlichen Flügel auf seinem Rücken und die düstere Musik deutet sein tragisches Schicksal an.
Damit habe ich allerdings ein Problem. Den Verurteilten zum Gefängniswärter zu machen ist nicht der ideale Weg zur Rehabilitation der übrigen Insassen. Falls Washi nicht etwa von der Renmei als Anschauungsobjekt vorgeführt wird (und danach sieht es nicht aus), dann ist das einfach eine schreckliche Strategie, um den Jüngeren Benehmen beizubringen. Vielleicht habe ich das ↗mono no aware nicht gut genug verstanden. Es ist jedenfalls nicht die Methode, nach der ich eine Eisenbahnlinie betreiben würde (das Wortspiel ist nicht völlig unbeabsichtigt ;-).
Deshalb nehme ich an, dass Washi den Tag seines Abflugs freiwillig aufgegeben hat in der Hoffnung (das ist schließlich alles, was wir haben, nicht wahr?), seinen Segen mitsamt dem Tag des Abflugs irgendwann in der Zukunft zu erhalten.
Ich denke auch, dass Washi beginnt, sich Fragen bezüglich der Mauer zu stellen, als Reki mit ihrem Tag des Abflugs scheitert. Er selbst stürzt in eine Glaubenskrise - deshalb spricht er so wenig in den ersten Kapiteln meiner Geschichte. Wird Kuramori einen Nachfolger finden? Wird es ein Guri ohne Washi geben? Wird Guri zusammenbrechen und seiner Mission, die Haibane zu beschützen, nicht länger gerecht werden? Und inwieweit ist all dies seine persönliche Schuld?
Die Romanze zwischen Rakka und Hyouko: Ich habe eine Weile damit gekämpft. Sollte ich die Geschichte jemals überarbeiten, dann würde ich diesen Teil womöglich herausnehmen, weil er stellenweise etwas gezwungen wirkt.
Andererseits löst er ein Problem: Was könnte die verbitterte Reki dazu bewegen, einzulenken, außer jemanden zu sehen, der genauso sehr leidet wie sie selbst (auch in der Original-Serie hatte sie sich der sündengebundenen Leidensgenossin Rakka gegenüber geöffnet)? Dies war ein Ausweg aus diesem Problem; wahrscheinlich gibt es andere, die glaubwürdiger wären.
Rakkas Todesszene aus Kapitel 12 war erforderlich, weil diese die Szene während des Unwetters noch einmal durchleben muss: Nachdem Rakka die helfende Hand (des Vogels) zurückgewiesen hatte, muss sie nun bereit sein, die helfende Hand ausgerechnet von Reki zu akzeptieren, um das Fehlverhalten aus ihrem vorherigen Leben zu sühnen - erst dann kann sie selbst zu Rekis Vogel werden.
Alle sind miteinander verbunden... eines der Themen von Haibane Renmei ist eine Reflektion von "↗Niemand ist eine Insel", und obwohl Rakka im Mittelpunkt beider Geschichten steht, gilt das auch für sie (wie sie auf dem Hügel der Winde in Kapitel 14 selbst eingesteht).
Auch das Konzept des Vergessenwerdens basiert auf einer Aussage aus dem Artbook: "Eine Haibane, die ihren Segen nicht erhält, verliert das sie leitende Licht und bleibt zurück, von allen vergessen." Selbst im Anime erwähnt Reki in Episode 12: "Bald schon werde ich von allen vergessen worden und aus ihrer Erinnerung verschwunden sein."
Analog zu dem, was Asimov in 'I, Robot' mit seinen ↗Robotergesetzen tut, wollte ich die logischen Konsequenzen dieser Kernaussage herausfinden: Was genau passiert eigentlich, wenn eine Haibane vergessen wird? Dies ist ein Grundpfeiler der Geschichte von Uso Da.
In Haibane Renmei geht es um Gemeinschaft. Niemand ist eine Insel; das Scheitern einer Haibane ist das Scheitern der Gemeinschaft.
Da ich den Teil mit dem "vollständigen Vergessen" nicht erfunden, sondern nur rudimentär interpretiert habe, muss er irgendwelche Folgen haben, etwa die Gedächtnislücken der Haibane, die in den ersten Kapiteln von Uso Da erkennbar sind. Selbst wenn die Renmei als 'Männer in Schwarz' Gedächtnisse manipuliert, sollten immer noch Inkonsistenzen übrig bleiben, die sich niemand erklären kann.
Ich beschloss, dass die Renmei keinen offenkundigen Versuch machen würde, das Verschwinden einer Haibane zu vertuschen. (Vorausgesetzt, die Renmei selbst kann sich erinnern... Sumika kann es nicht.)
Ich beschloss jedoch auch, dass "alles seinen Grund hat", was für diese besondere Facette von Guri ebenfalls zutrifft: Sie dient einerseits dazu, Haibane an ihre Verantwortung zu erinnern (man stelle sich die möglichen Unterhaltungen von Reki mit Kana und Hikari vor - es würde letzteren vorkommen, als stünde ein Schutzengel vor ihnen... oder aber ein KGB-Agent, der sie über Jahre hinweg im Geheimen überwacht hat), und andererseits wird auf diese Weise die Nachfolge der Kommunikatoren-Stelle geregelt.
Neben der im Anime erklärten Bedeutung für "Hyouko" (Eis und See) gibt es eine zweite Bedeutung dieses Lautbildes: ↗標高 ("hyoukou") bedeutet "Höhe" (über dem Meeresspiegel). Dies ist Hyoukos wahrer Name in Uso Da. Auch der kurz vor Hyoukos Abflug in Rakkas Traum sichtbare Marmorstein (als Markierungszeichen des Berggipfels) heißt auf Japanisch ↗標 ("hyou").
Meine Interpretation ist, dass Hyouko zwar nicht der Hellste ist, sich aber durch seine Bereitschaft auszeichnet, anderen zu helfen (Midori, Reki, Dai, Rakka) und dafür über andere erhöht wurde (denn genau das ist es, wozu Guri aufgrund seiner Struktur alle zu bewegen versucht). Wie die Götter des Olymps wurde er von der Mauer erhöht als Verteidiger ("Champion") der Schwachen und Verwundbaren.
Nemus wahrer Name in Uso Da ist ↗Seidenbaum (Albizia julibrissin), auf japanisch ↗合歓木 ("nemuki"), Baum des Schlafs; dies ist auch der Name des Kapitels 12 mit ihrem Kokon-Traum.
Nemus Kokon-Traum ist abgeleitet aus ihrer Sichtweise aller Haibane aus dem "Anfang der Welt": Jede Haibane entspricht einem blühenden Baum, voller Leben und Potential. In Nemus Traum sind diese Bäume allerdings "ein Fehler Gottes". Ich vermute, Nemu hatte in ihrem früheren Leben Vorurteile gegen Andersartige, doch tatsächlich hasste sie sich selbst genauso wie alle anderen. Im Anime ist Rakkas Eingriff in Episode 5 erforderlich, um dies zu korrigieren. Doch Nemus Weltanschauung setzt sich durch - ihre Theorie der "totalen Verderbtheit" aller Haibane ist meine Interpretation ihrer Kommentare im Sekai no Hajimari. Dies sind die "Würmer" in ihrem Traum.
Später wird Nemu bewusst, dass Gott im Leben von Reki interveniert und damit mindestens eine Haibane als "sauber" (oder wenigstens "würdig der Säuberung") eingestuft hat. Nemus Anschauung ist dadurch widerlegt, die Würmer verschwinden.
Sumikas Agenda in Uso Da reicht weit zurück. Sie kennt den Mechanismus der Nachfolge für Kommunikatoren, und ihr Ziehkind Nemu mit ihrem Interesse für Religion und Bücher erschien ihr schon vor Jahren als geeigneter Kandidat dafür. Als dann die sündengebundene Reki als Kandidatin für das Auslösen eines möglichen Nest-Kollapses auftauchte, waren Sumikas letzte Zweifel ausgeräumt und sie drängte Nemu insgeheim in Richtung Guri-Theologie - was allerdings massiv nach hinten losging.
Als Reki dann tatsächlich ihren Tag des Abflugs verpasst, zeigt sich ein Fehler in Sumikas Plan: Auch sie hat Reki vergessen! Sie erinnert sich zwar noch daran, dass Nemu ihrer Meinung nach 'Deshi-Material' gewesen sein muss, aber nicht mehr, wieso sie das glaubte und wie die 'Berufung' Nemus hätte funktionieren sollten. Gleichzeitig dreht ihr 'Adoptivkind' Nemu durch und beschließt, sich zu Tode zu hungern. Sumika ist verzweifelt und greift nach jedem Strohhalm, der sie und Nemu aus dieser Lage befreien könnte.
Nachdem Nemu ab Kapitel 2 von Uso Da als potentieller Deshi offensichtlich aus dem Rennen ist, scheint die nächste Kandidatin nun Rakka zu sein. Bereits in Anime Episode 5 hatte Rakka (durch ihre Nachforschungen in der Bibliothek) Sumika an die junge Nemu erinnert; Rakkas Mitarbeit am "Sekai no Hajimari" (wobei Sumika vermutlich irgendwie erfahren hat, welchen Teil des Werkes Rakka beigesteuert hat, auch wenn wir diese Szene im Anime nicht zu sehen bekommen) bestätigte dann diesen Verdacht, wie Sumika in Kapitel 12 Rakka gegenüber andeutet.
Und mit der Übergabe der Landkarte an Rakka in Kapitel 7 wählt Sumika 'selbstsüchtig' diese als Retterin für Reki (und damit auch Nemu) aus - wohl wissend, dass Rakka dafür zumindest ihre Eigenschaft als Haibane verlieren wird, denn wenn Sumika den entsprechenden Mechanismus kennt, wird sie wohl auch mitbekommen haben, was vor fünf Jahren mit Kuramori in einer vergleichbaren Situation geschehen ist. Dies muss Rakka nach der Unterhaltung mit Washi irgendwann auch klar geworden sein, was letzten Endes erklärt, wieso Rakka in Sumikas Wohnung so wütend auf ihre Gastgeberin war.
Die Unterhaltung zwischen Washi und Rakka (Anmerkungen des Übersetzers)
Was genau in der Unterhaltung zwischen Washi und Rakka zwischen Kapitel 11 und 12 gesagt wird, ist mangels Veröffentlichung derselben bis heute unklar. (Der Autor ClosetOtaku erwägt eine Überarbeitung der Geschichte in dieser Hinsicht; der vorliegende Abschnitt ist als Überbrückung bis zu einer solchen Version zu verstehen, die Veröffentlichung dieser Zeilen ist von ihm abgesegnet.)
Diverse Aussagen des Autors ergeben, dass Washi sinngemäß zu Rakka gesagt haben muss: "Wenn eine Haibane den Namen einer Ex-Haibane über den eigenen Namen auf ihrer Tafel im Inneren der Mauer meißelt, dann erlangt die Ex-Haibane dadurch ihre Erlösung; die betreffende Haibane hingegen verliert innerhalb kurzer Zeit Halo und Flügel und wird anschließend als Bedienstete im Tempel der Haibane Renmei arbeiten." Rakka weiß also, dass sie unter Zeitdruck steht (wie wenig Zeit ihr tatsächlich bleibt, merkt sie an ihrem flackernden Halo in Rekis Hütte), und der spätere Verlust ihrer Haibane-Attribute ist keine Überraschung für sie.
Washi verrät nicht, dass Reki durch diese Aktion wieder zu einer Haibane wird. Erst als Rakka nach ihrer Langen Nacht von Washi die Halo-Gussform erhält, wird sie sich denken können, wie es weitergeht (dies äußert sie auch so gegenüber Kana und Hikari, die sie am Eingang des Tempels trifft).
Washi erwähnt nicht, welche Auswirkungen diese Aktion Rakkas in Bezug auf deren Tag des Abflugs hat; seltsamerweise fragt Rakka ihn anscheinend auch nicht danach, sondern kommt irgendwie von allein zur Überzeugung, ihre Erlösung verloren zu haben, was erst in Kapitel 21 (zu ihrer Überraschung) widerlegt wird. (Angesichts dieser Überzeugung ist Rakka allerdings während ihrer kleinen Romanze mit Hyouko erstaunlich gut drauf, sie dürfte ab Kapitel 12 gerne etwas depressiver sein...)
Es gibt immerhin einen Grund für Rakkas falsche Annahme: In Kapitel 7 hat Sumika ihr mitgeteilt, einige der gescheiterten Haibane seien Arbeiter im Renmei-Tempel (was nicht stimmt, und es bleibt zudem unklar, wieso Sumika hier eine falsche Information weitergibt). Rakka verallgemeinert diese Aussage in Kapitel 11, als sie aus dem Westwald zum Tempel getragen wird, (fehlerhafterweise) zu der Annahme, sämtliche Tempelarbeiter seien gescheiterte Haibane. Wenn sie mit diesem Wissensstand anschließend von Washi erfahren hat, dass sie selbst nach der Aufgabe ihres Haibane-Status ebenfalls im Tempel arbeiten wird, dann liegt für sie der Schluss nahe, sie selbst sei auf diese Weise ebenfalls 'gescheitert' und ihr Tag des Abflugs für sie verloren...
Washi verrät nicht, dass Rakka aufgrund dieser Aktion einmal seine Nachfolgerin werden wird. Einerseits ist es seine Art, kryptisch zu bleiben, andererseits ist für die gesamte Aktion Rakkas 'freier Wille' unbedingt erforderlich, deshalb will er diese nicht mit einer 'Karriere-Chance' ködern. (Und dies, obwohl er selbst direkt davon profitieren könnte, weil Rakkas Erfolg seinen Ruhestand bedeuten würde! Aufgrund dieses Verfahrens und seines hohen Alters befindet sich Washi in einem interessanten Interessenskonflikt, was Reki betrifft - denn er weiß, dass ein Scheitern einer Haibane erforderlich ist, um einen Deshi für Kuramori zu finden und damit ihm selbst den Weg in den Ruhestand zu ebnen...)
Washi erwähnt angeblich auch nicht Sumikas Anteil an der ganzen Aktion. Insofern bleibt etwas rätselhaft, wieso genau Rakka in Kapitel 13 plötzlich so wütend auf Sumika ist. Immerhin war es nicht Sumika, die Rakka Schuldgefühle eingeredet hat, sondern die Erwähnung von Rakkas Name aus Rekis Mund in Nemus Alptraum sowie die nüchterne Analyse von Kana, dass Rakka angesichts des "Überrollt"-Namensschildchens in ihrer Jackentasche während der Nacht des Jahresendes wohl in Rekis Studio gewesen sein muss, ohne diese jedoch zu retten. Dass Sumika versucht, den Zusammenbruch von Old Home zu verhindern, kann Rakka ihr nicht wirklich vorwerfen - und um Sumikas eigentliche Motive zu verstehen, besitzt Rakka nicht genug Wissen über den Deshi-Mechanismus...
Es scheint aber ein Thema zwischen Rakka und Washi zu sein, dass ein weiteres Scheitern (und Vergessenwerden) von Nemu noch größere Löcher in die Gedächtnisse der Bewohner von Old Home reißen würde, was letztlich stark zu Rakkas Entscheidung, sich zu 'opfern' (so sieht sie es zu diesem Zeitpunkt), beigetragen haben muss. Schließlich droht ganz Old Home unterzugehen, und Rakka steht vor einer ähnlichen Entscheidung wie Kuramori vor fünf Jahren - wobei Rakka sich hier nur für ihre engsten Freunde einsetzt, während Kuramori sich sogar für ein anderes Nest 'geopfert' hat (Kuramoris Entscheidung war also 'heroischer').
Feedback
Falls über diese Erklärungen hinaus ein Bedarf nach einem Kontakt zum Übersetzer bestehen sollte, ist ein solcher ↗hier möglich.
Zurück zum Vorwort