Lamune

Aufbau der Serie

Eine typische beginnende Romanze zwischen Sandkastenfreunden... nichts Weltbewegendes also, möchte man meinen.

Und bis zur Mitte der Serie passiert auch tatsächlich wenig mehr, als dass nach der Einleitung in das Szenario der beiden Sandkastenfreunde zunächst einmal den einzelnen Nebencharakteren (Tae, Suzuka, Hikari) je eine Feature-Episode Nr. 4-6 gewidmet wird, während Nanami und Kenji zwar offensichtlich "füreinander bestimmt sind" (wie Hikari zu betonen nicht müde wird), dies aber selbst noch gar nicht so sehen. Hiromi hat zu diesem Zeitpunkt sicherlich nicht den Status einer ernsthaften Konkurrentin.

Doch mit dem Beginn der zweiten Hälfte schlägt die Stimmung der Geschichte langsam um: Was als Heile-Welt-Märchen begann, wird zunächst zu einer sich doch noch entwickelnden Romanze - und in den letzten beiden Episoden dann aus heiterem Himmel zu einem herzzerreißenden Drama, in dem gerade die (wiedergekehrte) Stagnation der Lage während Nanamis Leidenszeit an den Nerven des Publikums zerrt.

Dabei hatte der ED-Song einem aufmerksamen Zuhörer die kommende Katastrophe doch bereits in der ersten Episode angekündigt: "Warum blieb uns nicht mehr Zeit? Warum ist morgen nichts mehr so, wie es gestern noch war?" Tja, Nanami - hättest du mal rechtzeitig auf Hiromi gehört...

Nanamis Einstellung zu Kenji

Nanami hat sich mit der Selbstverständlichkeit, ihren Kenji immer um sich zu haben, abgefunden und keine Anstalten gemacht, den "nächsten Schritt" zu unternehmen. Anlässe dazu hätte sie eigentlich durchaus:

Doch letztlich hat Nanami nichts aus diesen drei Ereignissen gelernt: Nach wie vor glaubt sie, dass Kenji ihr "ganz sicher ist" (siehe OP-Song).

Zum Abschied gibt Hiromi (die heldenhafte Verliererin der Serie) ihren beiden Senpais eine letzte Mahnung mit:

"Manchmal sollte man sich mit dem aktuellen Zustand nicht zufrieden geben."

Hiromi weiß, wovon sie redet: Genau dies hat nämlich sie selbst getan, weil sie keine Chance sieht, sich "zwischen die beiden Senpais zu stellen, die füreinander bestimmt sind". Doch auch sie zweifelt lange, ob sie damit die richtige Entscheidung getroffen hat.

Hiromis Wirkung

Kaum hat der Zug mit Hiromi den Bahnhof verlassen, da ergreift Nanami die Initiative, d. h. Kenjis Arm - die erste offene Zärtlichkeit zwischen den Beiden. Hiromis Botschaft ist bei Nanami angekommen: Sie muss langsam mal etwas tun, um die Lage zu klären. Und in den darauf folgenden Episoden wird Nanami auch erkennbar 'anschmiegsamer' - bis sie in Episode 10 bei Kenji übernachten will.

Hiromis Mahnung ist übrigens genauso an Kenji gerichtet, der ja schließlich derjenige ist, der in der Öffentlichkeit den "Ehepaar-Status" geradezu reflexartig (und erkennbar wütend) dementiert, während Nanami diese Bezeichnung eher moderat peinlich ist (gelegentlich kokettiert sie sogar damit, wie etwa in Episode 2 zu beobachten ist).
Und auch Kenji beginnt, sich über den nächsten Schritt Gedanken zu machen. Sein Werkzeug dafür soll eine Haarklammer in der Form eines kleinen blauen Fischs werden, die seit Jahren in seiner Schublade auf ihren Einsatz wartet.

Kurzfristig hat Hiromi der Beziehung zwischen Nanami und Kenji tatsächlich einen Schub verliehen (mehr als Hikari das mit ihren ständigen Sticheleien gekonnt hatte): Die Idee zur gemeinsamen Motorradtour entsteht unter dem Einfluss der Erinnerung an Hiromi nach der Ernte des Gemüses im Garten.

Die Schlüsselszene

Und der technische Defekt auf dieser Tour (mit der zwangsweisen Übernachtung in der Herberge, noch dazu in einem Doppelzimmer) scheint alle Voraussetzungen für eine traute Zweisamkeit geschaffen zu haben (wie ja sogar Suzukas scheue Phantasie beweist).

Doch während im Lamune Game nun alles so abläuft, wie der (männliche) Spieler sich das vorstellt (in dieser Herberge schlafen Nanami und Kenji in der Spiel-Version das erste Mal miteinander), macht Nanami in der Anime-Version nach ihrem dahin gehauchten "suki"-Geständnis einen Rückzieher (und das nicht zum ersten Mal, wie wir in Episode 12 sehen werden). Überrascht von Kenjis dennoch heftiger emotionaler Reaktion auf diese Worte bietet sie ihm anschließend ihre Lippen zum Kuss an - doch die Gelegenheit ist verpasst, und sie wird für lange Zeit nicht wiederkehren.

Das Drama

Denn nach dieser Tour folgen kurz hintereinander zwei Ereignisse, die Nanamis Weltbild völlig durcheinander bringen:

Jetzt, wo es zu spät ist, wüsste Nanami, was sie will...

Das Problem

Warum wacht Kenji nicht auf? Wenn wir medizinische Ursachen aus dramaturgischen Gründen mal beiseite lassen, also allein von der symbolischen Seite an das Problem herangehen, dann muss die Ursache bei Nanami liegen.

Auch wenn diese sich inzwischen bewusst ist, wie sehr sie an Kenji hängt, fehlt doch noch die eine Schlüsselhandlung, mit der sie das ungeschehen macht, was sie 'verbockt hat', nämlich - ihr offenes Eingeständnis zu ihren Gefühlen. Erst als sie Kenji gegenüber ausdrücklich sagt, dass sie ihn "über alles" liebt, naht die Rettung.

Der Schlüssel zur Lösung

Der eigentliche Katalysator jedoch, nämlich das Windspiel am Fenster, symbolisiert noch mehr, was Nanami am Ende der Geschichte für ihren Kenji aufzugeben bereit war: Sie hat ihren 'heiligen' Fisch (ihre über Jahre hinweg kostbar gehütete und bei jeder Gelegenheit verteidigte Haarklammer, ihren einzigen Schmuck also, den sie selbst einem teuren Ring vorziehen würde) geopfert und ihn mit dem zweiten, als Geschenk erhaltenen Fisch zu einem Gegenstand verbunden, der das Böse von Kenji fern halten soll.

Genau dies tut das Windspiel am Ende auch: Es wehrt das negative Ki von diesem Raum ab und zieht das positive Ki zu diesem Raum hin. Sein Klang ist das Erste, was der erwachende Kenji zu hören bekommt.

Und im Gegensatz zu Nanami weiß dieser Junge, welche Bestandteile dieses Windspiel so harmonisch in sich vereint: Die Gefühle der beiden Mädchen, die in Kenji verliebt sind - und die jede einen Fisch zu diesem Windspiel beigetragen haben. Ob Nanami jemals erfahren wird, woher Kenji diesen Fisch ursprünglich erhalten hat? Vielleicht sollte dieses kleine Detail besser für alle Zeiten ein Geheimnis bleiben...