Haibane Renmei

Haibane Renmei / Episode 9: Der Brunnen - Wiedergeburt - Das Rätsel

Die Windräder drehen sich im heulenden Wind des Schneetreibens. Kein angenehmes Wetter für eine Suchaktion in der Dunkelheit.

Überhaupt haben die Haibane keine Ahnung, wo sie Rakka bei diesem Wetter suchen sollen. Vielleicht hat irgend ein Passant Rakka noch auf der Straße oder gar in der Nähe der Windräder gesehen, aber dann spätestens verliert sich die Spur des Mädchens. Von dem Brunnen im Westwald wissen die Bewohner von Old Home nichts.

Hikari:Rakka!
Nemu:Rakka!

Reki und Kana haben in einer anderen Richtung gesucht:

Kana:Hallo!
Reki:Was gefunden?
Hikari:Hoffentlich schneit es nicht noch heftiger.
Reki:Keine Sorge, es wird bald aufhören.

Reki scheint nach 7 Jahren Guri das Winterwetter zu kennen - sie liegt jedenfalls richtig mit ihrer Prognose.

Reki:Rakka...

Rakka sitzt immer noch auf dem Boden des Brunnens; sie ist eingeschlafen, und ihre Haare und Flügel sind schneebedeckt.

Rakka:Wer bist du?

Rakka betrachtet den Vogel, und Erinnerungen schießen durch ihren Kopf...

Kuu:Es wäre schön, wenn wir mit den Krähen sprechen könnten.
Aus Episode 3, 18:08.

Diese Krähe hat zu Rakka gesprochen.

Kana:Es heißt, sie nehmen das mit sich, was wir zurückgelassen haben.
Aus Episode 4, 17:06.

Diese Krähe hat Rakka eine Erinnerung gebracht, welche das Mädchen in ihrem Kokon zurückgelassen hatte.

Sumika:Wie hast du dich gefühlt, als du geboren wurdest?
Rakka:Es fühlte sich an, als ob jemand mich in meinem Traum beschützt hat.
Aus Episode 5, 03:21.

Diese Krähe hatte versucht, Rakka zu beschützen - doch Rakka hatte sie zurückgewiesen.

Ist dies der Moment, in dem Rakka ein weiteres Mal "wiedergeboren" wird?


Der Titel der Episode

Titel:Der Brunnen
Titel:Wiedergeburt
Titel:Das Rätsel

Rakka grübelt über ihrer neuen Erkenntnis:

Rakka:Jemand, der mich beschützt hat...
Rakka:Vater...?
Rakka:Mutter...?
Rakka:Ich weiß es nicht.

Plötzlich hört sie ein Geräusch - das Klingen von kleinen Glöckchen. Das hat Rakka schon einmal gehört: Im Tempel der Haibane Renmei, als diese Glöckchen an ihren eigenen Flügeln befestigt waren! Eine Lampe leuchtet in den Brunnen hinab... Rakkas Lebensgeister sind wieder erwacht:

Rakka:Hallo... wer ist da, bitte?
Rakka:Die Leiter ist kaputt. Ich komme nicht mehr heraus.
Rakka:Ich bin Rakka, eine Haibane aus dem Old Home, am Rande der Stadt.

Rakka fasst zuallererst das Wichtige kurz und konzentriert zusammen - wie bei einem Polizeinotruf: Ursache und Art des Notfalls, Name, Adresse. Erst danach lässt sie ihrer Neugier freien Lauf:

Rakka:Sind Sie aus der Stadt?

Das Licht wird schwächer, und die Schritte entfernen sich vom Brunnen. Der Tooga darf natürlich nicht antworten - aber er kann Hilfe holen.

Rakka:Warten Sie! Ich komme nicht heraus! Hilfe!

Gerade war Rakka voller Hoffnung - nun ist sie in Panik. Sie versucht, die unterste Sprosse im Sprung zu erreichen, ihre Finger finden aber keinen Halt in den Fugen der Mauer, und neben dem bereits verstauchten Knöchel tut ihr nun auch noch die linke Hand weh. Weinend sinkt sie zusammen:

Rakka:Hilfe!

Doch nach einiger Zeit kommt das Geräusch der Glöckchen wieder näher.

Was werden sich die Tooga denken? Ein Mädchen, gefangen in einem Brunnen. Klar, die will herausgeholt werden. Trotzdem fragt man sich: Was ist hier eigentlich passiert? Irgend etwas, das wir wissen sollten? Irgendwelche akuten Gefahren? Ist sie verletzt? Reden dürfen wir nicht - also hinabsteigen und Zeichensprache probieren, vielleicht versteht sie mich ja. Dazu muss sie meine Hände sehen können - dafür werden wir Licht brauchen... fertig ist der Einsatzplan. Auf geht's.

Eine Lampe wird im Eimer des Brunnens hinabgelassen - Rakka atmet auf, die Hilfe ist da.

Rakka nimmt die Lampe aus dem Eimer und leuchtet den Tooga an, der sich die letzten Meter an einem Seil hinab schwingt (der Brunnen ist am Grund breiter als im Rest des Schachtes, und die Sprossen reichen ja nicht ganz bis nach unten). Der Tooga zieht seine Kappe tiefer ins Gesicht und bedeutet Rakka, die Lampe zu senken - er will also nicht erkannt werden. Er macht Handzeichen in Hane: D - O - SH - I - T - A = "Was ist passiert?" Rakka versteht diese Sprache (noch) nicht und schüttelt den Kopf.

Also keine Kommunikation. Dann eben erst mal das Naheliegende: Das Mädchen muss aus dem Brunnen raus. Der Tooga kniet nieder, klopft auf seine Schulter und deutet nach oben: Rakka soll auf seine Schulter steigen und von dort auf die Leiter klettern. Nach dem zweiten Mal begreift Rakka, stellt die Lampe ab, zögert - und zieht dann noch ihre Sandalen aus (um dem Tooga nicht weh zu tun, vermutlich), die sie achtlos fallen lässt (auf die Idee, sie in den Eimer mit der Lampe zu stecken, kommt sie nicht - sie hat heute einfach zuviel erleben müssen). Der Tooga steht auf, und Rakka erreicht von seinen Schultern aus bequem die beiden untersten Sprossen. (In diesem Moment haben wir einen freien Blick auf ihren Flügel - und die schwarzen Flecken sind vollkommen verschwunden!) Ein letzter Blick zurück zum Grab des Vogels... Rakka zieht sich an den Sprossen nach oben.

Rakka klettert aus dem Brunnen, der Tooga folgt ihr, und sein Begleiter kurbelt den Eimer mit der Lampe nach oben.

Rakka:Ähm...
Rakka:Vielen Dank dafür, dass Sie mich gerettet haben!

Die beiden Tooga gehen schweigend davon - sie haben ihre Aufgabe erfüllt und lassen Rakka im Schnee zurück. Den Rest muss sie alleine schaffen - auch ohne Schuhe.

Rakka:Warten Sie!

Die Tooga gehen weiter, ohne sich umzudrehen.

Rakka:Eine Haibane namens Kuu hat die Mauer überquert!

"Die Mauer überquert"? Hoppla! Das klingt interessant. Nun halten die beiden Tooga an und hören zu, was Rakka zu sagen hat:

Rakka:Sie ist meine Freundin. Kennen Sie sie zufällig?

Rakka muss natürlich davon ausgehen, dass nicht jeder Tooga jede Haibane kennen kann - aber die beiden sind Rakkas einzige Chance in diesem Moment.

Die beiden Tooga sehen einander an und zögern...

Rakka:Tut mir leid.
Rakka:Ich weiß, dass ich nicht mit Ihnen reden darf.
Rakka:Aber Kuu ist meine Freundin.

Rakka humpelt auf die Tooga zu und fragt sie direkt:

Rakka:Ich mache mir Sorgen, weil ich nichts darüber weiß, wie es jenseits der Mauer ist.
Rakka:Geht es Kuu gut?

Jetzt haben die Tooga genug gehört, um dem Washi über Rakkas Seelenlage berichten zu können - sie wenden sich ab und gehen davon. Rakkas Frage dürften sie ohnehin nicht beantworten, selbst wenn sie es inhaltlich könnten (technisch sollten sie dazu in der Lage sein, da sie Rakkas Sprache offenbar verstehen).

Rakka versucht, ihnen zu folgen, stolpert aber und fällt hin. (Schon wieder. Auf ihrem Abenteuer im Westwald macht sie ihrem Namen wirklich alle Ehre.) Sie ist sich des Kommunikationsproblems bewusst, aber sie kann improvisieren, wie wir am Tag von Kuus Abschied gesehen haben. Rakka schlägt spontan eine Lösung vor:

Rakka:Wenn Sie nicht sprechen dürfen, bitte nicken Sie wenigstens, wenn Sie Kuu gesehen haben!
Rakka:Bitte, seien Sie so nett!
Rakka:Wenigstens das...
Rakka:...wenigstens das...
Rakka:...wenigstens das...

Rakka bleibt alleine zurück und versucht, den Weg entlang zu humpeln, auf dem die Tooga vor ihr verschwunden sind. Sie tritt in eine Pfütze und stolpert:

Rakka:Aua!

Rakka rafft sich wieder auf und humpelt weiter... und dann hat sie den Rand des Waldes erreicht. Plötzlich steht sie direkt vor der Stadtmauer! Sie hört das Lachen von Kinderstimmen; eine dieser Stimmen kommt ihr bekannt vor:

Rakka:Das ist doch...
Rakka:Kuu!

Rakka blickt nach rechts, dann nach links - niemand ist zu sehen. Also kamen diese Stimmen direkt aus der Mauer?

Rakka:Kuu!

Rakka berührt die Mauer mit beiden Händen und ihrem Gesicht - als ob sie Kuu umarmen wollte. Das war keine gute Idee:

Rakka:Ist das kalt!

Und auf einmal steht jemand hinter ihr:

Washi:Was tust du da?
Washi:Du darfst die Mauer nicht berühren.
Washi:Hat man dir nicht gesagt, du sollst dich von diesem Wald fernhalten?

Washi geht auf Rakka zu, diese weicht zurück, stolpert und wäre beinahe schon wieder hingefallen. Washi bemerkt das:

Washi:Hast du dir deinen Knöchel verstaucht?
Washi:Nimm den hier.

Washis gibt Rakka seinen Stab, damit sie sich abstützen kann (ohne sich dazu an die gefährliche Mauer lehnen zu müssen). Obwohl Rakka zwei Regeln der Renmei gebrochen hat (was Washi weiß), ist er nicht daran interessiert, Rakka (in diesem Moment) zu bestrafen (sie wird ihre Strafe ein paar Stunden später automatisch erhalten, wie Washi ebenfalls weiß). Rakka ist in einer außergewöhnlichen Situation - und Washi ebenfalls. Hier und jetzt kann er sie "erreichen" - etwas, das mit Reki nicht funktioniert hat. Dazu muss er ihr Vertrauen gewinnen.

Washi:Du bist eine Haibane aus dem Old Home, richtig?
Washi:Dein Name ist Rakka.
Rakka:Ja.
Washi:Du kannst mir später erklären, was passiert ist.

Rakkas aktuelle Lage hat Washi durchaus verstanden. Insbesondere hat er gesehen, dass sie die Mauer berührt hat, und weiß, dass sie bald ein Fieber bekommen wird; deshalb wird Reki in Episode 10 ziemlich sauer auf Washi sein... ich denke sogar, Washi benutzt Rakkas Fieber als Gelegenheit, endlich mal wieder mit Reki reden zu können, die von alleine nie bei ihm aufkreuzen würde... Washi weiß aber nicht, was Rakka eigentlich im Westwald und in der Nähe der Mauer gesucht hat. Er ist jedoch gewillt, dieses Thema zu "vertagen".

Washi:Wenn du nicht laufen kannst, dann bleib hier.
Washi:Ich werde Hilfe holen.

Ich denke, Washi selbst würde ebenfalls zu Rakka zurückkehren und nicht nur andere Leute schicken - aber er alleine kann sie nicht transportieren.

Rakka:Es ist nicht so schlimm.

Rakka möchte nicht den Aufwand zu verantworten haben, dass jetzt auch noch Washi geht und Hilfe holt, bloß weil sie ein Wehwehchen hat - sie steht ohnehin schon bis zum Hals in der Schuld der Haibane Renmei und hat zu allem Überfluss zwei von deren Regeln gebrochen (erst die Tooga angesprochen und dann auch noch die Mauer berührt). Das alles ist diesem Mädchen mit ohnehin minimalem Selbstwertgefühl ungeheuer peinlich - also beißt sie die Zähne zusammen, um ihr Gesicht nicht noch mehr zu verlieren...

Hier haben wir einen Schnitt zwischen den Szenen. Möglicherweise fehlen uns ein paar Zeilen des Dialogs zwischen Washi und Rakka, beispielsweise die beiden folgenden:

Washi: "Und wieso läufst du mit einem verknacksten Knöchel durch den Westwald?"

Rakka: "Ich habe einen Brunnen untersucht und bin hineingefallen, aber die Tooga haben mich gerettet."

Weiter unten werden wie diese beiden Zeilen brauchen...

Washi:Sie mussten dich natürlich aus dem Brunnen befreien.
Washi:Aber du darfst nicht mit den Tooga reden.

Rakka dürfte anscheinend nicht einmal in Hane mit den Tooga kommunizieren.

Washi:Nur jemand, der die Qualifikation als "Washi" besitzt, darf das.
Rakka:Kuu, meine Freundin... sie hat die Mauer überquert.
Rakka:Also dachte ich, die Tooga wissen vielleicht etwas darüber.

Auch Washi reagiert nicht auf Rakkas unausgesprochene Frage. Da fällt Rakka etwas ein:

Rakka:Ach ja!
Rakka:Ich habe Kuus Stimme gehört, die aus der Mauer kam.
Washi:Das war eine Illusion, die aus deinem Herzen kam.
Washi:Weil du an deine Kameradin gedacht hast, die das Nest verlassen hat,...
Washi:...zeigte dir die Mauer einfach nur deine Gefühle, wie ein Echo.
Washi:Die Mauer lässt nur diejenigen passieren, die bereit dafür sind, draußen zu leben.
Washi:Du hast also keinen Grund, dir Sorgen zu machen.

Nun, da Rakka sich Washi gegenüber zu öffnen beginnt, hakt dieser nach:

Washi:Ach ja: Was wolltest du eigentlich in diesem Brunnen?
Rakka:Auf dem Grund des Brunnens habe ich einen toten Vogel entdeckt.
Washi:Und dafür hast du das Risiko auf dich genommen, in den Brunnen zu steigen?
Rakka:Ich...
Rakka:Seitdem ich in der Stadt bin, habe ich das Gefühl, dass die Vögel mich rufen.
Rakka:Ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll, aber ich fühle, dass ich am Tod dieses Vogels schuld bin.
Washi:Vögel sind die einzigen lebenden Wesen, die die Mauer überqueren dürfen.

Anscheinend ist Kuu beim Verlassen ihres Nests schon kein solches mehr... oder sie "überquert" die Mauer gar nicht (sondern "entweicht nach oben" - wie das Licht aus dem Westwald). Washi sagt jedenfalls nicht, was er tatsächlich meint - hier spricht er explizit in Rätseln.

Washi:Deshalb sagt man, dass sie das mit sich nehmen, was wir zurückgelassen haben.
Analog zu Episode 4, 17:06.

Noch mehr Rätselraten: Washi sagt nicht, ob diese Sage wahr ist - er wiederholt nur, was Rakka bereits weiß (von Kana aus Episode 4). Er ist hauptsächlich ein Spiegel von Rakkas Seele - genau wie vorhin die Mauer.

Washi:Hattest du Angst, als du die Überreste des Vogels gesehen hast?
Rakka:Nein.
Washi:Dann beweist der Leichnam, dass dir etwas bewusst geworden ist, das du erfahren musstest.

Diese Erfahrung war für Rakka immerhin entscheidend, um ihren tsumitsuki-Status zu beenden.

Washi:Der Vogel hat dir seinen toten Körper gezeigt, weil er stolz war, seinen Auftrag erfüllt zu haben.
Washi:Du hast keinen Grund, zu trauern.

Rakka glaubt, am Tod des Vogels schuld zu sein; Washi versucht, ihr zu erklären, dass der Vogel nur begrenzte Möglichkeiten hatte, mit ihr zu kommunizieren, und das Zeigen seines Leichnams war eine dieser Möglichkeiten.

Washi geht weiter; Rakka bleibt alleine zurück... wieder mal. Ihre wichtigste Nachricht hat sie noch nicht loswerden können. Sie ist total aufgewühlt, wie bei ihrer Begegnung mit Hyouko in der Stadt - und sie lässt den Stab des Washi fallen. Dieser dreht sich nach ihr um.

Rakka:Der Vogel hat mir die wahre Bedeutung meines Traumes im Kokon klar gemacht.
Rakka:Auf dem Grunde des Brunnens hatte ich einen Traum.

Washi kehrt um und geht zu Rakka zurück.

Rakka:Dieser Vogel...
Rakka:...ist jemand, den ich kannte.
Rakka:Jemand, der sich um mich sorgte.
Rakka:Damals habe ich nicht einmal versucht, das zu verstehen.
Washi:Warum trauerst du so sehr um jemanden, an den du dich nicht einmal erinnerst?
Rakka:Das weiß ich nicht!

Dies ist die zentrale Aussage für Rakkas Situation: Sie ist an das "Rad der Sünde" gefesselt und findet keinen Weg, sich davon zu lösen.

Rakka:Aber ich habe dieser Person weh getan...
Rakka lässt offen, ob sie eine physische oder eine psychische Verletzung meint - "kizutsukeru" kann auch im japanischen Original beides bedeuten.

In Rakkas aktueller Situation liegt eine gewisse poetische Gerechtigkeit. Als Rakka ihre vorherige Welt verließ, da ließ sie jemanden zurück, der sie vermisste und sich um ihr Verschwinden grämte. Rakka selbst erlebt nun dieselbe Situation von der anderen Seite: Nun ist sie es, die ihren senpai verloren hat und darüber verzweifelt ist. Rakka erlebt am eigenen Leibe, was sie dem Vogel angetan hat - und jetzt, da sie ermessen kann, wie sehr der Vogel ihretwegen leiden musste, ist sie um so mehr voller Schuldgefühle. Dabei hat der Vogel ihr bereits vergeben, wie wir an ihren weißen, fleckenlosen Flügeln erkennen können... sie muss diese Vergebung nur noch akzeptieren. Rakka hat im Moment dasselbe Problem wie Reki - und wird deshalb dasselbe Rätsel lösen müssen.

Washi hat erkannt, dass jetzt die Chance zum Eingreifen gekommen ist - eine Chance, die Reki damals nicht genutzt hat...

Washi:Nimm Platz.
Washi:Erzähle mir alles in Ruhe.
Washi:Denn das, was du gesagt hast, ist sehr wichtig.

Und Rakka erzählt, wie sie nun ihren Traum deutet:

Rakka:An einem Ort, an den ich mich nicht erinnern kann,...
Rakka:...war ich davon überzeugt, dass ich vollkommen alleine sei.

Rakka berichtet nur - sie bewertet an dieser Stelle nicht. Genau wie bei ihrer "Statusmeldung" aus dem Brunnen an den Tooga kann sie auch hier unter Druck sehr präzise analysieren.

Rakka:Niemand würde sich daran stören, wenn ich einfach verschwinden würde.
Rakka:Deshalb wollte ich einfach verschwinden.
Rakka:Und dann habe ich geträumt, ich schwebe durch den Himmel.
Rakka:Aber dann fiel es mir wieder ein.
Rakka:Auch in meinem Traum war ein Vogel.
Rakka:Jemand in der Gestalt eines Vogels wollte mich zurückholen.
Rakka:Ich war nicht allein.
Rakka:Aber ich...
Washi:Du hast keinen Grund, so zu denken.
Washi:Deine Schwingen und der Halo sind der Beweis dafür, dass du in dieser Welt keine Sünde zu verbüßen hast.

Gemäß der Region-2-Version von DVD 5: "Flügel und Halo sind die Zeichen eines Haibane, der eine gesegnete Existenz führen und den Schutz [der Stadt] genießen sollte. Die Farbe der Flügel zeigen lediglich den Seelenzustand des Haibane an - nicht jedoch eine Schuld oder Sünde." Washi meint also: Allein schon die Existenz als Haibane (mit Flügeln und Halo) ist ein Beweis dafür, dass der/die Betreffende keine Schuld oder Sünde aus einer früheren Existenz mit sich trägt. Rakka versteht dies allerdings nicht so:

Rakka:Aber ich... meine Federn sind...
Washi:"tsumitsuki"?
Washi:Du verdeckst also das Sündenmal, indem du Medizin zum Färben auf deine Federn aufträgst?
Washi:Von wem hast du das gelernt?

Eine eher rhetorische Frage - Washi weiß genau, wer in Old Home diese Kenntnisse besitzt (Reki und wahrscheinlich auch Nemu, die Kuramoris Kräuter sicherlich gesehen und deren Anwendung im gemeinsamen Zimmer beobachtet haben dürfte) und wer sie anwendet. Aber er testet, ob die Haibane ihre Gefährtin verraten würde... Rakka senkt ihren Blick, aber sie schweigt.

Washi:So ist das also.
Rakka:Was bedeutet es, "tsumitsuki" zu sein?
Rakka:Bin ich eine Verbrecherin?

Rakka verwechselt hier offensichtlich "Sünderin" mit "Verbrecherin" (sie selbst sagt "zainin" für "Verbrecher") - Reki ist (nach eigener Aussage) beides, aber das kann Rakka nicht auseinander halten.

Rakka:Ist das, was ich in meinem Traum gesehen habe, wirklich geschehen?
Washi:Es gibt keine Möglichkeit, das mit Sicherheit festzustellen.

Nicht mal Washi kann das - auch er besitzt kein Detailwissen über Rakkas vorherige Existenz.

Washi:Was du in deinem Traum im Kokon verloren hast, das bleibt für immer verloren.
Washi:Auch wenn du jemanden verletzt hast, wirst du diese Person nie wieder sehen.
Rakka:Was soll ich bloß machen?

Rakka lässt den Kopf hängen.

Rakka:Wenn ich eine Verbrecherin bin und gar nicht hier sein sollte,...
Rakka:...dann bringen Sie mich doch bitte dorthin, wo ich hingehöre.

Rakka sagt immer noch "zainin" ("Verbrecherin"). Vielleicht meint sie sogar: "Dann verhaften sie mich doch bitte", so wie die Bürgerwehr damals Reki verhaftet hat. Und auch als Rakka in Episode 10 in die Mauer gehen muss, fürchtet sie ja, eingesperrt zu werden.

Rakka:Diese Stadt hier ist zu gut für mich.
Rakka:Jeder kümmert sich um mich, jeder ist nett zu mir.
Rakka:Ich halte es hier nicht länger aus!
Rakka sagt "itatamarenai desu" - "Ich bin nicht in der Lage, hierzubleiben" bzw. "Ich möchte am liebsten weglaufen."
Rakka:Wenn das, was ich im Traum gesehen habe, wahr ist, dann will ich zurück.
Rakka:Ich muss zurück und diese Person um Verzeihung bitten!

Der Moment zum Eingreifen ist gekommen. Washi streichelt Rakkas Kopf mit seiner Hand:

Washi:"Wer seine Sünde erkennt, der ist kein Sünder."
Rakka:Was?
Washi:Das ist ein Rätsel, genannt "Das Rad der Sünde".
Wir haben lange darüber nachgedacht, ob wir "Rad" (um welches herum man sich im Kreis dreht. solange man durch [den Glauben an] die [eigene] Sünde daran gefesselt ist) oder "Ring" (welcher die Kreisbewegung von außen aufdrückt) verwenden sollten, und uns schließlich an die wörtliche Übersetzung gehalten, obwohl es ggf. schwerer verständlich sein könnte, zu verstehen, wieso man von einem "Rad" gefangen gehalten werden kann.
Washi:Denke darüber nach.
Washi:"Wer seine Sünde erkennt, der ist kein Sünder."
Washi:Ich frage dich: Bist du dann eine Sünderin?
Rakka:Ich...
Rakka:Wenn mein Traum aus dem Kokon wahr ist, dann bin ich eine Sünderin.

Erster Versuch: Rakka meint, die Realität sei wichtiger als das, was sie selbst darüber denkt. Und sie landet wieder dort, wo sie begonnen hat.

Doch Washi verwendet Rakkas Antwort gegen sie:

Washi:Also erkennst du deine Sünde?
Rakka:Und wenn? Wird meine Sünde dann einfach verschwinden?

Mit "Verschwinden" kennt Rakka sich aus... aber sie glaubt immer noch, dass ihre eigene Meinung nicht einfach die Realität ändern kann.

Washi:Dann frage ich dich noch einmal.
Washi:"Wer seine Sünde erkennt, der ist kein Sünder."
Washi:Bist du dann eine Sünderin?
Rakka:Aber es wäre doch eine Sünde, zu glauben, ich hätte keine Sünde begangen...

Der Begriff "tsumi" (Schuld / Sünde) ist der Schlüsselbegriff der gesamten Serie. Yoshitoshis Abe wollte tsumitsuki auf Englisch als "sin-bound" übersetzt haben, deshalb haben wir uns auf "Sünde" festgelegt, obwohl einige Aussagen mit "Schuld" eventuell besser funktionieren würden. "Schuld" umfasst meiner Meinung nach überwiegend ein Gefühl (eine "Schuld auf sich geladen" zu haben ist immer eine subjektive Meinung), während "Sünde" nach christlicher Auffassung sowohl Gedanken als auch Taten meinen könnte (und einem "objektiven Standard", nämlich der zugrundeliegenden Religion, gemäß beurteilt wird). Und falls Taten mit eingeschlossen sein sollten, dann wäre die Botschaft, die Yoshitoshi Abe in dieser Serie herüber bringen will, meiner Meinung nach nicht plausibel: Sündige Taten macht man nicht alleine dadurch ungeschehen, dass man sie als Sünde erkennt. (Deshalb verlangt die christliche Religion an dieser Stelle auch Reue, d. h. Änderung des eigenen Verhaltensmodells, und ggf. sogar Buße.) Abe scheint aber mit "Sünde" ausschließlich Gedanken zu meinen; Abes Idee ist auch nicht der christlichen Religion entnommen (obwohl er sich mit dem Christentum ausgiebig beschäftigt hat, wie man weiß).

Insbesondere besteht die Sünde, welche eine Haibane im "Rad der Sünde" gefangen hält, genau in der Überzeugung, frei von Sünde zu sein, d. h. die Ursache für ihr Problem nicht bei sich selbst zu suchen. Tatsächlich hat Rakka insofern recht, dass es nicht hinreichend ist, sich seine Schuld selbst zu verzeihen. Aber es ist notwendig - denn solange sie selbst sich für eine Sünderin hält, wird sie auch eine Verzeihung anderer nicht akzeptieren, weil sie glaubt, diese nicht verdient zu haben. Das ist bei ihr nicht anders als bei Reki (die von Washi folglich auch dasselbe Rätsel gestellt bekommen hat).

Washi:Vielleicht nennt man es deshalb "durch die Sünde gefesselt".
Washi:Auf der Suche nach der Sünde dreht man sich wie ein Rad im Kreis...
Washi:... und verliert dabei den Ausweg aus den Augen.

Das ist es, was Rakka begreifen muss: Sie selbst bewegt sich im Kreis - wie das "Rad der Sünde". Vor lauter Suche nach der Sünde, d. h. ihren eigenen Fehlern und ihrer Wertlosigkeit, hat sie den Blick für das Wesentliche verloren.

Rakka sind die Ideen ausgegangen:

Rakka:Was soll ich denn dann antworten?
Washi:Denke darüber nach.

Was will Washi eigentlich erreichen? Er fragt Rakka: "Hältst du dich für eine Sünderin?". Tatsächlich meint Washi dabei "Hältst du dich für eine Sünderin im Hinblick auf deine zukünftigen Taten" (also für eine "böse Haibane", die weitere Sünden begehen würde - und Washi meint: Wenn du dir deiner Sünden bewusst bist und sie verabscheust, dann begehst du künftig keine Sünden mehr, bist also keine Sünderin mehr nach dieser Definition), nicht "Hältst du dich für eine Sünderin im Hinblick auf deine vergangenen Taten" (also eine "ehemals böse Haibane", die glaubt, für ihre Sünden büßen zu müssen - so wie Reki und bisher auch Rakka sich einstufen). Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Interpretationen zu erkennen, darin besteht dann das Rätsel: Lerne (und entscheide dich dafür), nach vorne zu blicken, statt in der Vergangenheit (und dem "Kreis der Schuld") gefangen zu bleiben. Rekis "tätige Reue", ihr Versuch, wie Kuramori zu werden, ist der richtige Weg - aber Reki selbst glaubt nicht, dass das ausreicht, um ihre "Schuld" zu tilgen. Reki versucht mit aller Macht, ihren Kokon-Traum zu verstehen - doch dabei lenkt sie ihre Energie in die falsche Richtung.

Washi:Die Antwort musst du selbst finden.
Washi:Jetzt komm.

Ende der Nachhilfestunde - Washi hat Rakka ihre Hausaufgabe mitgegeben, und während ihres Mauer-Fiebers wird sie reichlich Gelegenheit zum Nachdenken haben.

Washi begleitet Rakka bis zum Waldrand ganz in der Nähe von Old Home:

Washi:Ich kann dich nur bis hierher begleiten.

Washi kann vermutlich nicht einfach in Old Home aufkreuzen, ohne einen Teil seines "Mythos" aufs Spiel zu setzen, also begleitet er sie bis zum Waldrand, von wo aus sie Old Home bereits sehen kann. Rekis spätere Kritik an Washi ist in dieser Hinsicht wohl nicht berechtigt.

Washi:Ich gebe dir meinen Stock mit.
Washi:Damit wirst du sicher bis nach Hause kommen.

Rakka darf das Wahrzeichen des Washi also vorerst behalten. Und Washi hat das nicht ohne Absicht getan, wie wir gleich sehen werden:

Rakka:Darf ich Sie wiedersehen?
Washi:Du wirst mir den Stock zurückbringen müssen.

Mit diesen Insignien drauf ist das offenbar Washis persönlicher Stab.

Wie so oft sagt Washi nicht direkt "ja" oder "nein" - aber wir erkennen, wieso er Rakka den Stock mitgibt: Damit sie auf jeden Fall einen Anlass für das nächste Gespräch hat, falls sie sich nicht traut, dieses Gespräch von allein zu suchen. (In der nächsten Episode werden wir sehen, dass Washi von sich aus einen weiteren Anlass erzeugen wird - nämlich Rakkas "Bestrafung".)

Rakka:Vielen Dank für alles.

Rakka ist wieder ruhig und ausgeglichen - und bedankt sich entsprechend höflich. Und Washi verschwindet im Dunkeln - er löst sich praktisch in Luft auf, wie zuvor der Vogel in Episode 6 über dem Westwald...


Die Suchtrupps von Old Home sind immer noch auf den Straßen unterwegs - ihre Aktion muss bereits seit Stunden laufen. Reki braust mit dem Motorroller die Straße auf und ab, in der Hoffnung, Rakka irgendwo in der Ferne zu sehen - und tatsächlich:

Reki:Rakka!

Mit einem echten Stunt wirft Reki ihren Motorroller auf den Boden, rast auf Rakka zu und schließt ihre Freundin in die Arme.

Rakka:Reki?
Reki:Rakka, Rakka, Gott sei Dank!

Es ist ein echter Stoßseufzer, den Reki mit dem "yokatta" hier von sich gibt. Und sie drückt ganz schön heftig zu:

Rakka:Aua, Reki, du tust mir weh!

Stimmt ja: Rakka ist leicht angeschlagen (Fuß und Hand), und wahrscheinlich drückt Reki auch auf ihre empfindlichen Flügel. Aber an Rekis Reaktion merkt sie sofort, wie sehr ihre Freundin sich um sie Sorgen gemacht hat - gerade in ihrer aktuellen Situation, nach ihrer "Belehrung" durch den Vogel, vermag Rakka das besser zu verstehen als je zuvor.

Rakka:Tut mir leid.
Reki:Du bist ja ganz dreckig!
Reki:Was ist passiert? Wo sind deine Schuhe?
Rakka:Ich bin im Westwald in den Brunnen gefallen.
Reki:Wie bitte...?

Bevor Reki das verdauen kann, erscheint die nächste Mitbewohnerin per Fahrrad:

Kana:Hey!
Kana:Du kannst doch nicht einfach so weglaufen!

Typisch Kana: Bestimmt fällt ihr ein riesiger Stein vom Herzen - aber das will sie natürlich nicht zeigen. Statt dessen schimpft sie Rakka kräftig aus... Nemus Augen scheinen nicht so gut zu sein wie die von Kana:

Hikari:Du hast sie also gefunden!
Reki:Ja, sie ist hier!
Rakka:Hey!
Rakka:Hier her!
Rakka:Hallo!

Bisher hatte Reki nur Augen für ihre Freundin - aber als sie erkennt, womit diese winkt, zieht sie die Augen zu engen Schlitzen zusammen:

Reki:Dieser Stock...

"... das ist doch der vom Washi, richtig?" Reki erkennt das Symbol der Renmei sofort.

Rakka:Den hat der alte Washi mir geliehen.
Rakka:Er sieht zwar grimmig aus, ist aber echt nett.

Reki kann sich dieser Meinung nicht anschließen - der Washi, der sie damals ins Gefängnis gesteckt hatte, ist keiner ihrer engsten Freunde:

Reki:Wenn er wirklich so nett wäre, dann würde ein Mädchen in deinem Zustand wohl kaum alleine lassen.
Tatsächlich verwendet Reki "kega" = "verletzen/weh tun"; Rakka humpelt und verwendet einen Stock, das reicht Reki offenbar für eine Verurteilung des Washi. Meine Version kommt mir aber runder vor.

Die erste Aufregung ist vorüber - Reki erfüllt ihre Sorgfaltspflicht und untersucht ihre Freundin:

Reki:Oh je, deine Fingernägel sind abgebrochen.

Das muss bei Rakkas Kletterversuch an der Mauer des Brunnens passiert sein.

Reki:Ist das kalt!
Reki:Das ist nicht normal. Sie sind kalt wie Eis.

Rakka hat also keine einfache Unterkühlung (barfuß im Schnee!), sondern etwas viel Schlimmeres.

Die Erkenntnis reißt Reki förmlich die Augen auf, und ihre Stimme wird ganz leise - sie ahnt bereits, was passiert ist (sie hat das ja bei Hyouko alles schon mal erlebt). Aber zuerst untersucht sie Rakka weiter, um ganz sicher zu gehen - ähnlich wie bei Kuus Abschied:

Rakka:Komisch, ich fühle gar nichts.
Rakka:Hm? Mein Knöchel tut auch nicht mehr weh.

Reki tastet den Knöchel ihrer Freundin ab; Rakka zeigt keinerlei Reaktion...

Reki:Der Schmerz hat nicht etwa aufgehört, sondern dein Fuß ist taub!
Reki:Kannst du gehen?

Dieselbe Frage wie in Episode 2 - damals musste Reki Rakka ins Bett tragen.

Rakka:Ja.

Erst jetzt will Reki ganz sicher gehen:

Reki:Hast du etwa die Mauer berührt?
Rakka:Ja...

Bei allem, was heute passiert ist, hält Rakka das für gar kein besonderes Ereignis.

Rekis Gesicht ist "grimmiger", als der Washi sein könnte - die Lage ist bitter ernst. Sie nimmt Rakka an die Hand und zieht sie mit sich. Kana ist inzwischen eingetroffen:

Kana:Was ist los, du siehst ja so blass aus!
Reki:Ich fahre vor und bringe Rakka nach Hause.
Kana:Moment mal...

Kana schnappt sich den Stab des Washi, versteht aber nicht, was hier abgeht. Rekis Erklärung ist kurz, aber sie erschreckt auch Kana bis ins Mark:

Reki:Rakka hat die Mauer berührt.

Nemu und Hikari sind ebenfalls eingetroffen; Hikari springt ab - und tut ausnahmsweise mal sofort etwas Sinnvolles: Sie hebt Rekis Motorroller vom Boden auf.

Reki:Rakka, steig auf!
Hikari:Was ist denn los?
Hikari:Reki, was ist passiert? Hey...

Reki braust davon - sieh hat jetzt keine Zeit für Erklärungen an Hikari. Das soll Kana erledigen - notfalls vielleicht Nemu, die sich wahrscheinlich an die Geschichte mit Hyouko erinnern wird.

Nemu:Hikari, wir müssen uns beeilen.
Hikari:Hm...

Nemus Autorität als Älteste reicht, um Hikari zu überzeugen, dass schon wieder bedröppelt dazustehen und nicht zu begreifen, was Schlimmes geschehen ist, die Lage nicht verbessern wird.


Der Motorroller steht im Schnee von dem Eingang - Reki hatte keine Zeit, ihn irgendwo unterzustellen. Sie hat Rakka ins Gästezimmer gebracht, wo diese bereits einmal ein Fieber überstanden hat. Hier können sich alle besser um Rakka kümmern als in deren eigenem Zimmer - und die Hausapotheke ist auch in der Nähe...

Rakka:Mein Körper scheint immer leichter zu werden...
Reki:Nicht sprechen. Schlaf jetzt.
Rakka:Ich habe Angst davor, die Augen zu schließen.

Rakka benimmt sich sehr kindlich, wenn sie krank ist.

Rakka:Ich fühle mich, als wenn ich verschwinden würde, wenn ich jetzt einschlafe.

Genau das wäre die logische Folge von "immer leichter werden".

Reki:Die Mauer ist gefährlich.
Reki:Besonders im Westwald und am Teich.
Reki:Habe ich dir das nicht immer und immer wieder gesagt?

Jetzt muss auch Reki ihrer liebe Rakka ein wenig die Ohren lang ziehen - aber aus ihren Worten spricht vor allem ihre Sorge um die Freundin.

Rakka:Tut mir leid.

Reki läuft aus dem Zimmer - seitdem Rakka ihre Flügel hat, wissen wir, wo in Old Home der Arzneikasten aufbewahrt wird.

Rakka wird immer müder... sie spricht schon fast im Fieber:

Rakka:Der Vogel hat mich gerufen.
Reki:Ein Vogel?

Rakka bekommt schon keine vollständigen Sätze mehr heraus:

Rakka:Auf dem Grunde des Brunnens.
Rakka:Ich konnte mich wieder an meinen Traum im Kokon erinnern.
Reki:Der Brunnen... Rakka?

Was hat Rakka da eben gesagt? Sich an den Traum erinnert? Das, was Reki nicht kann? Bedeutet das etwa, dass... Reki tastet vorsichtig Rakkas Körper ab - doch Rakka bewegt sich nicht mehr. Sie scheint also eingeschlafen zu sein. Nun dreht Reki ihre Freundin auf die Seite, prüft deren linken Flügel (der wahrscheinlich nicht ganz sauber ist), zieht Rakka dann den rechten Flügelschoner aus - und tatsächlich:

Reki:Sie sind weg.

Die Flecken auf Rakkas Flügeln, meint Reki offensichtlich.

Reki:Das kommt nicht von der Medizin.
Reki:Aber warum...?

Ja, warum ist Rakka erlöst und Reki nicht? Zunächst war Rakka die potentielle Erlösung für Reki, später dann ihre Leidensgenossin - und nun?

Reki hat keine Zeit, weiter darüber nachzudenken - sie hört, wie sich die Türe öffnet. Schnell zieht sie ihre Hände von Rakkas Flügeln weg: Niemand darf sehen, was sie hier tut! Ihre drei Mitbewohnerinnen betreten das Gästezimmer:

Hikari:Wie geht es Rakka?
Nemu:Ist sie eingeschlafen?

So etwas konnte wirklich niemand anders als Nemu fragen... ;-)

Alle stehen um Rakkas Bett herum; Reki mit gesenktem Kopf. Mühsam reißt Reki sich zusammen und verdrängt ihre finsteren Gedanken:

Reki:Entschuldige, Kana, aber kannst du bitte aus der Stadt ein Fiebermedikament besorgen?
Kana:Was?
Kana:Das hättest du mir doch auch vorhin sagen können!

Genau wie bei ihrem Uhrmachermeister findet Kana erst mal etwas zum Meckern. In der Tat - vorhin waren sie ein paar Meter näher am Stadtzentrum. Aber Reki macht Kana den Auftrag schmackhaft:

Reki:Komm schon, du kannst meinen Motorroller nehmen.

Kana ist zufrieden - eine solche Gelegenheit bekommt sie sicherlich nicht oft.

Kana:Okay. Aber hat der Laden denn noch geöffnet?
Reki:Ansonsten sollen sie halt wieder öffnen!
Reki:Und sag nichts von der Mauer.
Kana:Ich bin ja nicht blöd.
Kana:Schlüssel?

Reki greift in ihre Brusttasche - aber da ist er nicht...

Reki:Oh, der steckt noch im Zündschloss.

Kein Wunder - vorhin war Reki in höchster Eile. Kana meckert munter weiter:

Kana:Lass ihn doch nicht immer stecken...

Kana hat ihren Auftrag und macht sich auf den Weg - Reki weiß, auf wen sie sich hier verlassen kann (und wer mit ihrem Motorroller zurecht kommt).

Nun versucht Hikari mal wieder, Initiative zu zeigen - leider mit für diesen Fall völlig unzureichenden Kenntnissen:

Hikari:Reki, ich glaube nicht, dass sie Fieber hat.
Hikari:Im Gegenteil, sie ist eiskalt.
Reki:Das Fieber wird wahrscheinlich erst nach Mitternacht ausbrechen.

Reki behandelt Hikari zum zweiten mal kurz hintereinander wie ein keines Kind - sie hält es nicht für nötig, ihr irgend etwas zu erklären.

Hikari ist natürlich ebenfalls aufgeregt wegen Rakka, deshalb begehrt sich an dieser Stelle ungewöhnlich stark auf:

Hikari:Reki, woher weißt du das?!
Hikari:Hey, ich rede mit dir!

Nemu geht dazwischen. Sie hat die ganze Zeit nur zugehört; sie versteht, dass die beiden Reki jetzt am besten alleine lassen sollten, und sucht einen Vorwand, gemeinsam mit Hikari das Gästezimmer zu verlassen:

Nemu:Reki, weiß die Haushälterin schon, dass wir sie gefunden haben?
Reki:Oh, noch nicht.
Nemu:Hikari, komm, wir müssen nach den Kleinen sehen.
Reki:Danke, für die Hilfe.

Reki hat genau verstanden, was Nemu gerade für sie getan hat.

Nemu:Ich bin ein Meister beim Ins-Bett-bringen...
Ich habe kontrollieren lassen, ob Nemu auch auf Japanisch ein Wortspiel mit ihrem eigenen Namen macht (um die Spannung aus der Situation zu nehmen, beispielsweise). Leider tut sie das nicht - sie verwendet (nekaseru) = zu Bett bringen. Aber rein inhaltlich ist klar, was sie ungefähr ausdrücken will: "Wenn es um "schlafen gehen" geht [hier für die Kleinen], dann bin ich die Expertin." (Tante Nemu könnte den Kids beispielsweise eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen.)
Reki:Pass bloß auf, dass du nicht vor ihnen einschläfst.

Nemu zieht Hikari mit sich aus dem Zimmer; Reki wendet sich ihrer Patientin zu.


Rakkas Jacke hängt auf einem Kleiderbügel; Reki wäscht die Arme einer todmüden Rakka, die gerade die Augen wieder aufschlägt:

Reki:Entschuldige, tut das weh?

Wie soll Reki an dieser Stelle Rakka weh getan haben? Reki hat wirklich Angst davor, ihre Freundin zu verlieren.

Rakka:Nein. Es fühlt sich an, als ob mein Körper verschwunden wäre.

Eben. Rakka fühlt keinen Schmerz - eigentlich fühlt sie fast schon überhaupt nichts mehr.

Reki:Ich kann deinen Schmerz fast schon fühlen, wenn ich dich bloß ansehe.
Rakka:Wie in der Nacht, als meine Flügel herausbrachen.

Aber es gibt mehrere Unterschiede zwischen beiden Szenen: Damals lag Rakka im Dunkeln und auf dem Bauch und fühlte schwere eine Last auf sich, nun liegt sie im hellen Licht und auf dem Rücken und fühlt sich immer leichter werden.

Reki:Das glaube ich gerne.
Rakka:Reki, du bist immer für mich da.

Rakka spricht ihre Freundin direkt an, voller Dankbarkeit: "Wenn ich dich nicht hätte..."

Reki:Ich mische mich halt gerne ein. So war ich schon immer.

Einmal mehr versucht Reki, ihre "Verdienste" unter den Scheffel zu stellen. Sie will nicht wahrhaben, wie sehr sie Rakka tatsächlich bereits geholfen hat.

Dasselbe wird später übrigens auch Rakka von sich sagen - gegenüber Midori am Zaun der Fabrik in Episode 12.

Rakka:Reki, deine Hände sind so warm.
Reki:Nein, deine sind so kalt. Wie Eis.
Rakka:Reki, mein Körper wird immer leichter.

Beim ersten Mal, als Rakka im Fieber von Reki gepflegt wurde (in Episode 1 nach dem Wachsen ihrer Flügel), fühlte sie sich noch "schwer"...

Rakka:Bin ich noch da?
Reki:Keine Sorge, du bist noch hier.
Rakka:Ich will nicht verschwinden!

Ihren Wunsch, zu verschwinden, hat Rakka nun also überwunden - sie weiß jetzt, wohin sie gehört, wer sich um sie sorgt und wieviel ihr das bedeutet.

Reki:Das wirst du nicht. Keine Sorge.
Rakka:Ich möchte hier bleiben!
Rakka:Ich will nirgendwo anders hin!
Rakka:Ich darf doch hier bleiben, oder?

Mit Rakka Selbstwertgefühl ist es immer noch nicht weit her - in ihrem geschwächten Fieber-Zustand ist sie nun viel hilfloser als zuvor im Wald und im Brunnen. Reki drückt die aufgeregte Rakka sanft wieder zurück in die liegende Stellung:

Reki:Natürlich. Du darfst hier bleiben.

Denn das größte Problem, das Rakka in Rekis Augen haben konnte, ist bereits gelöst:

Reki:Rakka, du bist eine gesegnete Haibane.

Diese Botschaft könnte immens wichtig für Rakka sein - wenn diese momentan aufnahmefähig wäre. Aber Rakka begreift in diesem Moment nicht, was Reki ihr sagen will.

Rakka:Reki, du hast mir immer geholfen.

Erschöpft schläft Rakka wieder ein. Und nun, da Reki mit sich alleine ist, trifft sie die Erkenntnis mit voller Kraft:

Reki:Rakka...
Reki:Rakka, du bist nicht länger...

Nein, Rakka ist nicht mehr genauso an Guri gefesselt wie Reki. Auch Rakka wird Reki eines Tages verlassen. Und es war nicht Reki, deren Hilfe zur Erlösung von Rakka geführt hat. Reki ist wieder allein.

Die Tür öffnet sich - Nemu und Hikari sind zurück. Lächeln, Reki - niemand darf sehen, wie du dich fühlst...

Nemu:Wie geht es ihr?
Reki:Vorläufig ist sie stabil.

So ganz genau weiß auch Reki nicht, wie es Rakka geht und was sie noch tun kann. Deshalb werden die Kameradinnen eine anstrengende Nachtwache vor sich haben.

Reki:Hoffentlich haben wir die Medizin, bevor das Fieber ausbricht.
Nemu:Und du meinst, die Medizin nützt etwas?

Nemu hat genügend über das Wesen der Mauer verstanden, um dies zu bezweifeln.

Reki:Ich weiß es nicht.
Reki:Wenn das Fieber bis morgen früh nicht gesunken ist, werde ich sie zur Renmei bringen.
Reki:Ich werde erzählen, was passiert ist...

Ein typischer Reki-Plan: Die wahrscheinlich kaum transportfähige Rakka alleine über die schwankende Brücke tragen - bloß weil Reki es nicht fertig bringt, andere um Hilfe zu bitten. Hikari platzt jetzt der Kragen:

Hikari:Reki!
Hikari:Reki, du weißt wirklich sehr viel, und du wirst bestimmt auch alleine mit allem fertig.
Hikari:Aber...
Hikari:...du musst dir nicht alles alleine aufbürden.

Hikari senkt ihren Kopf - sie ahnt, dass sie sich auf wackeligem Boden bewegt. Wird das gut gehen?

Hikari:Sag uns doch, wie wir dir helfen können.
Hikari:Wir sind doch Kameraden.

Ausnahmsweise hat Hikari die richtigen Worte gefunden: Reki war nicht in der Lage, um Hilfe zu bitten - aber diese anzunehmen, wenn sie ihr angeboten wird, das kann sie (und sei es nur, um Hikari nicht vor den Kopf zu stoßen).

Reki:Ja, entschuldige... mein Fehler.
Reki:Wir wechseln uns mit der Wache ab.
Reki:Kannst du eine Weile auf sie aufpassen?
Hikari:Na klar!

Hikari ist zufrieden. Reki hat ihr allerdings keine konkreten Anweisungen hinterlassen - sie wird also improvisieren müssen.

Reki:Danke.
Reki:Dann ruhe ich mich ein bisschen aus.
Reki:Ruft mich, wenn ihr mich braucht.

Reki sagt das zu Nemu, der sie eher als Hikari zutraut, ihre Grenzen zu erkennen.


Reki betritt ihr Zimmer und atmet heftig den Zigarettendunst aus. Die Holz-Skulptur, der sie ihre Zigarette zu probieren gibt (und der Glimmstängel glüht im Munde des Holzkopfes auf, als ob dieser tatsächlich daran saugen würde!), ist die einzige, der sie ihr Herz auszuschütten wagt:

Reki:Tja, auch Rakka braucht meine Hilfe nicht mehr.
Reki:Kein Grund, Trübsal zu blasen...
Reki:...eigentlich sollte ich mich darüber freuen.

Aber sie kann es nicht. Reki steckt in derselben Zwickmühle wie Rakka, nachdem Kuu das Nest verlassen hatte: Wenn sie ihr eine wahre Freundin ist, dann darf sie ihr den Erfolg nicht neiden (was sie aber tut, genau wie Rakka damals - in der nächsten Episode wird Washi ihr das auf den Kopf zusagen), auch wenn sie selbst darunter zu leiden hat (weil sie Rakka verlieren wird).

Reki:Rakka ist nicht mehr tsumitsuki.

Reki stehen bei diesen Worten die Tränen in den Augen - ihr Bund mit Rakka aus Episode 7 ist in dieser Nacht zerbrochen, und sie zieht einen Schlussstrich unter das Kapitel "gemeinsam alt werden mit Rakka in Guri":

Reki:Ich habe mich daran gewöhnt, allein zu sein.
Reki:So war es in den letzten sieben Jahren immer und immer wieder.

Und mit diesen finsteren Worten verschwindet sie in einem finsteren Raum mit einem seltsam gemusterten Boden.